Die Aneignung einer Landschaft

Gespräch mit der pensionierten Ärztin Sonnhild Siegel in ihrem Haus bei Zollbrücke

Sonnhild Siegel

Sonnhild Siegel

Sonnhild Siegel

Das Haus in Zäckericker Loose in den siebziger Jahren
(Foto: S. Siegel)

Sonnhild Siegel

Das Haus in Zäckericker Loose in den siebziger Jahren
(Foto: S. Siegel)

Sonnhild Siegel, geboren 1940, ist zweifache Fachärztin und arbeitete in verschiedenen Berliner Kliniken. In den Neunziger Jahren praktizierte sie, ebenfalls in Berlin, selbständig. Inzwischen ist sie im Ruhestand. Ihre Siedlungsgeschichte im Oderbruch begann 1978, somit gehört sie zu den Pionieren unter den städtischen Einwanderern. Sie war damals 38 Jahre alt, gerade geschieden und hatte das Bedürfnis nach frischer Luft und Betätigung: "Ich wollte mich ausarbeiten." Ein Haus hätte es nicht unbedingt sein müssen, vor allem suchte sie einen Kontrast zum gewohnten Lebensumfeld für sich und ihren fünfzehnjährigen Sohn.

Ein Freund in Bad Freienwalde richtete ihren Blick nach Ostbrandenburg. Auf eine Zeitungsannonce hin erhielt Sonnhild sieben Angebote, die sie an einem klaren Wintertag bei Sonnenschein im Trabi abfuhr. Das Haus, in dem sie heute wohnt, war auch darunter. Es hatte zwei Jahre leer gestanden und sah nach viel Arbeit aus; im ersten Affekt begrub sie die Kaufpläne. Trotzdem hat es sie nicht losgelassen, denn obwohl es inmitten der feuchten Wiesen und Äcker am Wassergraben lag, strahlte es eine helle und freundliche Atmosphäre aus. "Immer wieder erschien das Bild des Hauses mit dem geschützten sonnigen Hof vor meinem inneren Auge." Nach drei Wochen entschied sie sich doch für den Kauf. Sie borgte sich die Kaufsumme und zahlte sie in kleinen Raten ab. Ostern 1978 verbrachte sie mit ihrem Sohn den ersten Urlaub auf dem Land.

Die Entscheidung, sich als alleinstehende Frau mit dem Hauskauf in den rauen Wind des Oderbruchs zu stellen, wurde zunächst etwas durch Sonnhilds Freunde befördert. Manche fanden die Idee, sich auf dem Land ein Standbein zu schaffen, attraktiv und exotisch und wollten einsteigen. Bald wurden sie jedoch von der vielen Arbeit abgeschreckt und blieben fern. Auch der eigene Sohn verlor das unmittelbare Interesse an dem Projekt - er hatte eine Band gegründet, Brennnesseln standen nicht auf dem Programm.

Die folgenden Jahre beschreibt Sonnhild als einen mühsamen Aneignungsprozess, in dem sie als ganze Persönlichkeit gefordert war, bei dem aber trotzdem die Freude und das Vergnügen, etwas Greifbares zu schaffen, überwogen. "Ich dachte oft, auch wenn es morgen vorbei wäre, es hätte sich jede Stunde gelohnt." Die bauliche und finanzielle Herausforderung liegt dabei auf der Hand - das Dach musste neu gedeckt, das Haus verputzt, große Risse im Fundamentbereich behandelt werden.

Sonnhild Siegel

Panorama von Sonnhilds Hof in der Bauphase (Foto: Detlef Hanßen)

Sonnhild Siegel

Arbeitseinsatz mit Freunden an den Kopfweiden gegenüber dem Haus. Für viele städtische Siedler auf dem Land ist es eine schöne Erfahrung, dass  man die geschnittenen Weidenruten durch bloßes
In-die-Erde-Stecken zu neuen Bäumen ziehen kann. (Foto: S. Siegel)

Sonnhild Siegel

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Sonnhild Siegel

Ein Nachbar Sonnhilds zu Besuch mit seinem Pferd.
(Foto: S. Siegel)

Sonnhild Siegel

Die liebste Kinderbeschäftigung an der Oder:
Steine reinschmeißen. (Foto: S. Siegel)

Sonnhild Siegel

Hochzeit in Zollbrücke.
(Foto: Dr. Falk Schreiber)

Sonnhild Siegel

Der Hof in Zäckericker Loose.

Zahlreiche Gewerke musste sie sich selbst so gut wie möglich aneignen. Das Gras wurde mit der Sense abgehauen, oftmals auch von helfenden Freunden, die es dann in riesigen Haufen liegen ließen - viele städtische Siedler kennen die Eigendynamik wochenendlicher Freundeshilfe, die mit zahlreichen Nacharbeiten verbunden ist. Trotzdem waren die Freunde eine kontinuierliche Stütze - einige mieteten sich mit einer Einlage zur Sanierung des Hauses auch für einige Zeit ein, was ziemlich gut funktionierte. Heute haben sie z.T. selbst in der Gegend Häuser gekauft und sich niedergelassen.

Viel schwieriger scheint es dagegen gewesen zu sein, sich selbst einen sozialen Standort in der Landschaft zu schaffen. Die Einheimischen traten ihr zwar offen und positiv gegenüber, gleichwohl waren sie irritiert über ihre Motivation, aufs Land zu kommen. Die "Schönheit der Landschaft" die sie anzog, schien für sie kein Kriterium. Das drückte sich auch in praktischen Belangen aus. So beschreibt Sonnhild, dass sie, kaum im Oderbruch angekommen, erschrocken die radikalen Abholzungen alter Grenzweiden erleben musste und sich darüber mit einem Bauern des Dorfes zu verständigen suchte. Dieser blieb ihrem Bedauern über die Bäume gegenüber ganz verschlossen: die Bäume brauche man nicht mehr, da könnten sie weg.

Den Berlinern gegenüber verhielten sich manche Einheimische zugleich väterlich herablassend und hilfsbereit. Die Symbiose der ersten Jahre bestand darin, dass sie ihre Verunsicherung durch das Überlegenheitsgefühl ausgleichen konnten, welches sie erlebten, wenn sie Sonnhilds festgefahrenen Trabant mit dem Trecker aus dem Schlamm zogen. Solidarität mischte sich mit Unsicherheit. Mit manchen Anwohnern stellte sich ein regelmäßiger nachbarschaftlicher Verkehr ein. Für Sonnhild spiegelte sich in der Familie eines benachbarten Landwirts die ganze soziale und politische Geschichte des Oderbruchs, die als urwüchsige Kraft und abgründiges persönliches Schicksal kenntlich wurde. Als sehr wohltuend schildert sie die Anteilnahme und Unterstützung durch die Mutter dieser Nachbarsfamilie, die ihr ganzes Bemühen immer begrüßt habe und auch eine interessante Persönlichkeit für ihre Berliner Gäste gewesen sei. Erwachsene wie Kinder statteten ihr gern einen Besuch ab, wenn sie im Oderbruch weilten. Überhaupt, konstatiert Sonnhild, habe sie sehr viel Hilfe von den Einheimischen erfahren, wobei ihr möglicherweise sogar die Legende, sie habe einer Frau aus dem Dorf das Leben gerettet, genutzt habe.

Man sollte sich andererseits das Verhältnis nicht wie eine schlichte gegenseitige Sympathie denken. Inmitten der erfahrenen Solidarität blitzte immer wieder auch Misstrauen auf: gegen die "Zweckentfremdung" eines landwirtschaftlichen Guts, das von der Städterin nur um der landschaftlichen Schönheit willen bewohnt wurde, gegen die zahlreichen, seltsam aussehenden Besucher aus Berlin, gegen den ganzen unvertrauten Habitus. Einmal sei sie sogar mit einem Schreiben aufgefordert worden, zu ihrem vielen Besuch vor der Gemeindevertretung Stellung zu nehmen: handele es sich dabei nämlich um Mietverhältnisse, müsse sie das anzeigen.

Im Verlaufe der achtziger und neunziger Jahre zog das Oderbruch immer mehr Menschen an, die für eine größere kulturelle Vielfalt in der Landschaft sorgten, so dass Sonnhild Neuankommenden gegenüber beinahe als einheimisch gelten kann. Die Frage, woher jemand wann und warum gekommen ist, hat an Relevanz verloren. Trotzdem fällt ihr auf, dass die Initiativen für das Oderbuch als Landschaft, an denen sie teilnimmt, in der Regel von den Zugezogenen ausgingen: das Forum Oderbruch, der Förderverein Kirche Altwustrow, der BUND und andere Bürgerinitiativen. Sonnhild hatte und hat viele Gäste. Ihre Hochzeit feierte sie in "Zäck" - das Buffet hatte sie aus Oderbruchprodukten zusammengestellt.

Im Alltag realisiert sich ihr Verhältnis zur geliebten Landschaft immer noch schwierig - mit ihrem Mann wohnt sie in Berlin, ist jede Woche einmal "draußen", erfährt aber permanent, wie schwer es ist, am Geschehen zu bleiben. Jedenfalls will sie zukünftig die Sommer komplett in Zollbrücke verbringen. Die innere Beteiligung am Schicksal des Oderbruchs ist von der Frage des Lebensmittelpunkts unbeeinträchtigt - mit großem Interesse nimmt sie Veränderungen und Initiativen in der Landschaft wahr und beteiligt sich, wo immer es möglich und sinnvoll ist. Sonnhild Siegel kommuniziert mit vielfältigen Akteuren und hat einen Sinn für die Verschiedenheit landschaftlicher Feinheiten: in ihrer Materialsammlung über das Oderbruch finden sich sowohl Pegelstände des Oderhochwassers von 1997 als auch Protokolle von Vogelbeobachtungen, Zeitungsartikel und die Angebote der Kurfachklinik.

Der Atmosphäre des lichten und trockenen Hofes inmitten der schweren und feuchten Landschaft hat Sonnhild in den Jahren zu einer gepflegten und gesicherten Erscheinung verholfen. Der Landsitz ist Ort der Gemeinschaft und der Einsamkeit. Neue gepflanzte Bäume stehen neben alten Kopfweiden. Ein selbst gebauter, geliebter Bootssteg im Landgraben gegenüber ihrem Hof ist nach der Wende der Sanierung durch den Gewässer- und Deichverband zum Opfer gefallen. Hier hatte sie wochenlang gesessen und für ihren zweiten Facharzt gelernt. So ranken sich um beinahe jedes Element von Haus, Garten und Landschaft Geschichten und Erlebnisse. Ihre Sicht auf die Landschaft hat sie selbst in folgendem Text formuliert:

Kenneth Anders

 

Weitere Beiträge:
<<< Beschreibung einer geliebten Landschaft

 

Link:
<<< Initiative "Offene Gärten im Oderbruch"