Siedeln in Wilhelmsaue – Die Familie Rüdrich

Nach einem Gespräch auf dem Hof der Familie in Wilhelmsaue

Familie Rüdrich

Dorothee Rüdrich

Familie Rüdrich

Holger Rüdrich

Steckbrief:

Dorothee Rüdrich wurde 1964 in Dresden geboren, als zweites Kind eines Arztes und einer Bibliothekarin. Von ihrer Mutter hat sie ein ausgeprägtes Verhältnis zu Büchern geerbt. Nach dem Abitur absolvierte sie die Ausbildung zur Korbflechterin. Im Sommer 1986 lernte sie Holger Rüdrich kennen und kurze Zeit später auch lieben.

Holger Rüdrich, geboren 1965 als erstes Kind einer Chemielaborantin und eines Ingenieurs, lernte Maschinen- und Anlagenmonteur und arbeitete in diesem Beruf, bis er sich aus Liebe zu seiner zukünftigen Frau als Korbmacher verdingte. Am Freitag, dem 13.5.1988 fand die Hochzeit statt.

Die Kinder:
Jakob 1987
Johann 1989
Anna 1994
Marie 1996

Insgesamt gibt es auf dem Hof immer mindestens 20-30 Seelen (6 Menschen, 5 Pferde, Hühner, Hunde, Katzen, allerlei Kleingetier für die Kinder) und 37 funktionierende! Verbrennungsmotoren.

 

 

Ankunft im Oderbruch

Dorothees Lehrmeister Hartmann besaß eine Weidenkultur im Oderbruch, und jedes Jahr im Winter reiste Dorothee mit ihrem Meister nach Norden, um die Weiden zu schneiden. Ihre erste nähere Bekanntschaft schloss sie mit der ortsansässigen Korbmacherin Thea Müller, über diese lernte sie andere Handwerkerinnen kennen, so beispielsweise die Töpferin Isabel Widera, die in den 70er Jahren ins Oderbruch gekommen war.

In den 70er und 80er Jahren hatten es schon einmal eine Welle von Neuansiedlungen gegeben, auch damals waren es Künstler und Handwerker gewesen, die, aus den Städten kommend, im Oderbruch eine neue Heimat suchten. Diesen Neusiedlern ging es nicht um eine Bewirtschaffung des Bodens, um die Nutzung der Flächen. Sie fanden hier Rückzugspunkte, Oasen der Stille, der visuellen Entspanntheit, nicht zuletzt auch bezahlbare Wohn- und Arbeitsflächen.

 

Familie Rüdrich

In den ersten Monaten musste der Brunnen neu
gemauert werden. Im Hintergrund steht noch des
alte Back- und Waschhaus.

Familie Rüdrich

Zur Einweihung der Werkstatt Offenstall gratulierte auch der Bürgermeister von Letschin, Herr Lehmann, den Initiatoren vom Förderverein: Holger Rüdrich, Antje Scholz, Isabel Widera, Dorothee Rüdrich und Bettina Männel.

Auf das Land zu ziehen und 4 Kinder zu bekommen, das war ihr ausdrücklicher Wunsch, und das Oderbruch schien durchaus geeignet zu sein, erzählt Dorothee Rüdrich. In Holger traf sie im Sommer 1986 einen Gleichgesinnten. Nach wenigen Monaten waren ein Kind gezeugt, ein 4-Seiten-Hof gefunden, das brusthohe Gras gemäht und das Haus getüncht worden. Anfang Dezember 1987 zog die Familie mit ihrem 14 Tage alten Sohn in das Haus an der Wilhelmsauer Bockwindmühle ein. In diesem Haus war noch die Geschichte spürbar und sichtbar. Ein alter Sekretär, mit Kontorbuch aus den Jahren 1914-18, alte große Tontöpfe und vielerlei Gerät, das die Vorbesitzer zurückgelassen hatten. Holger, der den Hof auf wundersame Weise gefunden und binnen 2 Wochen gekauft hatte, wusste beim Anblick dieser Töpfe, dass sein Weib ihn dafür lieben würde. Ein WC gab es nicht, kein fließendes Wasser und kein Gas.

Als erstes wurde der Hofbrunnen freigelegt und neu gemauert. Das alte Wasch- und Backhaus musste abgerissen werden, die anderen drei Gebäude konnten sacht ausgebessert und erhalten werden. Eigentlich sei noch heute jeder Balken an der gleichen Stelle wie damals, erklärt Holger Rüdrich mit Genugtuung. Auf den fehlenden Dachstein auf dem Wohnhaus wies der Schwiegervater Jahre lang bei jedem Besuch hin, seit einiger Zeit hat auch er sich daran gewöhnt, dass nicht alles perfekt und so manchmal schöner ist.

Zu Weihnachten kamen die Nachbarn, Oma und Opa Schmied, Besitzer der kleinen Schmiede nebenan. Auch andere Nachbarn stellten sich ein, brachten Blumen mit und erzählten die Geschichten des Hauses, so dass sich die Rüdrichs angenommen und wohl aufgehoben fühlen konnten. Bis heute sei ihr Verhältnis zu den Nachbarn gut, auch zu den Leuten aus dem Dorf, man kenne sich hier, so ein Dorf sei überschaubar.

 

Familie Rüdrich

Familienfoto 1996 Foto:Jörg Hannemann

Jahre des Aufbruchs - Ein eigenes kleines Königreich

Zwei Jahre später zogen die Freunde aus Dresden in das Müllerhaus gegenüber, kurz darauf andere Freunde aus Rostock auf einen Hof in der Nähe.

Ein Verein wurde gegründet, der Förderverein Wilhelmsaue e.V., der sich zum Ziel setzte, den alten Dorfkern wieder mit Leben zu erfüllen, Holger als Spitzenkandidat der SPD in den Gemeinderat von Letschin gewählt und zum Ortsteilbürgermeister von Wilhelmsaue ernannt. Es folgten Jahre des Aufbaus.

Die alte Schule, die, seit den siebziger Jahren außer Betrieb, zuletzt als Kampfgruppenschulungsraum, Gemeindebüro und für konspirative Treffen der Stasi genutzt worden war, wurde zu einem Landheim für Schüler und andere Interessenten und der Stall auf Rüdrichs Hof zur Werkstatt Offenstall umgebaut. Die Kirche konnte aufwändig und umfassend restauriert werden. Vieles haben die jungen Neusiedler selbst gemacht, gebaut oder besorgt. Vor allem mussten Fördermittel akquiriert werden. Die konstruktiven Ideen, der Elan und Charme von Holger Rüdrich und seinen Mitstreitern überzeugten neben der Gemeinde auch das Landesjugendamt, die Stiftung demokratischer Jugend und nachhaltig das Amt für Agrarordnung.

Stück für Stück wurde die alte Struktur des Dorfkerns von Wilhelmsaue den neuen Gegebenheiten angepasst. Das Jahr 1991 kann als Meilenstein der Dorfgeschichte gelten: Das Landheim Wilhelmsaue wurde unter der Leitung von Holger Rüdrich und Bettina Männel eröffnet und die Werkstatt Offenstall im Rahmen der ersten Brandenburger Frauenwoche von Regine Hildebrand eingeweiht.

 

Familie Rüdrich

Maschinen aller Art haben es Holger Rüdrich angetan.
Beim Dorffest demonstriert Holger Rüdrich die Arbeit
auf einem alten Dreschkasten.

Familie Rüdrich

Über Jahre hinweg fand monatlich im Landheim ein Konzert und eine Veranstaltung für Kinder statt. Inzwischen fehlt es an Geld für regelmäßige Veranstaltungen. Konzerte gibt es noch in der Kneipe nebenan, Kindertheater nur an den Kunstmarktwochenenden.

 

Das Landheim bot 30 Menschen Unterkunft zum Eröffnungspreis von 1 DM pro Person und Tag für Bett, Außenklo und Waschschüsselbenutzung im Keller, schließlich gab es noch kein fließendes Wasser oder gar ein WC. Die ersten Monate waren sofort ausgebucht, erzählt Holger begeistert, einmal sogar doppelt, da er sich im Termin versehen hatte. Da habe er dann ein paar Spinde umgelegt und Matratzen geborgt und allen habe es wunderbar gefallen.

Über Jahre fanden hier monatlich Konzerte und Kinderveranstaltungen statt.

Holger Rüdrich machte sich 1995 mit einem Landschaftsbaubetrieb selbständig und gab die Leitung des Landheims, das inzwischen mit der ihm angegliederten Pension 50 Menschen Platz bietet, in gute Freundeshände ab.

 

Familie Rüdrich

In der Werkstatt Offenstall arbeitet Dorothee Rüdrich mit einer Gruppe von Kindern, die im Landheim ihre Ferien verbringen.

Familie Rüdrich

Seit Jahren arbeitet Dorothee Rüdrich im Kulturladen-
team mit und beteiligt sich an den Wilhelmsauer Kunstmärkten. Ihren Stand teilt sie hier mit der Keramikerin Karola Wirth.

In der Werkstatt hatten nach einem Jahr der intensiven Restauration 4 Gewerke ihren Platz: Korbflechterei, Weberei, Töpferei und Schmiede. Von Stund an fanden hier unter der Leitung von Dorothee Rüdrich und ihren Kolleginnen Handwerkskurse für Schüler, Familien und andere Interessenten statt. Der Hof entwickelte sich auch für den Freundeskreis zu einem Treffpunkt und Umschlagplatz jeglicher Information. Stets im Kreise aller befand und befindet sich Dorothee, mit offenem Ohr und Herz, ein milder und ruhender Pol im Stimmengewirr.

Die Werkstatt wird heute hauptsächlich von einer Keramikerin und Dorothee, die inzwischen auch den Schritt in die Selbständigkeit gegangen ist, genutzt. Als einen ganz wesentlichen Arbeitskreis empfindet Dorothee Rüdrich jene Gruppe von Frauen, die seit 1997 jedes Jahr im September und im Dezember den Wilhelmsauer Kunstmarkt organisiert. Dann treffen sich in der Wilhelmsauer Fachwerkkirche die KünstlerInnen der Region mit GastkünstlerInnen und einem immer zahlreicher werdenden Publikum.

Jedes Jahr im Frühjahr öffnet sie zu den Kunst-Loose-Tagen (Tage der offenen Ateliers im Oderbruch) den in großen Scharen herbeiströmenden Besuchern (600 Menschen an einem Wochenende!) ihre Werkstatt.
Viel Zeit und Kraft fordern die Kinder, das liebe Vieh, ein Gemüsegarten und der große Hof; allem gerecht zu werden ist manchmal nicht leicht. Wenn genug Zeit bleibt, reitet Dorothee Rüdrich mit ihren Töchtern Anna und Marie aus. Sie ist es, die alles mit sanfter und bestimmter Art zusammenhält.

 

 

 

 

Familie Rüdrich

Jedes Jahr im Frühling finden im
Oderbruch die Kunst-Loose-Tage
statt. Rüdrichs Hof ist an diesem
Wochenende für kunstinteressierte
Gäste geöffnet. Auch befreundete
Künstler können sich in der
Werkstatt präsentieren.

Familie Rüdrich

Familie Heide aus Frankfurt/ Oder
gehört zu den regelmäßigen
Besuchern der Kunst-Loose-Tage.

Familie Rüdrich

Selten bleibt Zeit zum Schmieden.
Schmuckdosen, Wollschweine,
Würfelbecher mit Würfeln und andere
erstaunliche Dinge gibt es dann beim
Kunstmarkt zu bestaunen.
(Foto:Jörg Hannemann)


 

Agrarindustriebrache mit Sternenhimmel

Die Idee, wieder wegzuziehen, sei ihnen noch nie gekommen, erzählen beide. Dabei sei gar nicht die Landschaft so relevant. Es sei schon schön, abends vor die Tür zu treten und den weiten Himmel zu sehen und die Sterne und der Stille zu lauschen, die so still sei, dass beim kleinsten Geräusch die Hunde im Nachbardorf anschlügen. Ihm fehlen die Berge und manchmal, sagt Holger Rüdrich, stelle er sich vor, dass die prachtvollen Wolkenhaufen Berge seien. Man könne auch auf den einen oder anderen der 6 Monate Winter verzichten und eigentlich sei es immer etwas zu feucht hier. Die letzten großen Feldraine vermissten sie, die den Meliorationsmaßnahmen 1987 zum Opfer gefallen sind. Das Oderbruch sei für sie eine Agrarindustriebrache, eine Erinnerung an die ursprüngliche Landschaft gebe es nur noch entlang der Oder, jenseits des Deiches.

Und doch hält sie hier so vieles. Sie waren die ersten Neusiedler in Wilhelmsaue und die Initiatoren einer weiteren Zuzugswelle ins Oderbruch. Mindestens 5 Familien sind ihnen nachgezogen, nach Wilhelmsaue oder in die unmittelbare Umgebung. Dazu kommen neue Freunde, Familien, die zur gleichen Zeit hergezogen oder alteingesessen sind. Ein großer Kreis entstand so, ein festes und tragendes Fundament. Neben der gemeinsamen Arbeit, bei der einer den anderen unterstützt, gibt es die Herrensportgruppe und den Männerchor, zum Frauentag Frauensauna und ab und an eine Rommeerunde, gemeinsame Feste und immer einen Menschen, mit dem man reden kann.

Sehr wichtig sind auch die Verbindungen zu den alteingesessenen Oderbrüchlern. So geht Dorothee Rüdrich jedes Jahr im Winter ihrem fast 80-jährigen Kollegen, dem Korbmacher Rabe aus Groß Neuendorf, bei der Weidenernte zur Hand. Dafür bekommt sie einen Teil der Weiden.

Holger Rüdrichs Betrieb für Landschaftsbau ist inzwischen gut installiert im Dorf und in der Umgebung. Er baggert, pflastert, hebt, transportiert Steine, Sand, Ton oder Stämme, schneidet Bäume, pflegt Parkanlagen, streut im Winter die Dorfstraße und manches mehr. Wenn er baggere, bewege sich die Schaufel mit der Eleganz eines Damenarmes, findet ein Freund. Wenn es irgendwo etwas Spannendes zu tun gibt, wird Holger Rüdrich begeistert dabei sein, sei es, die technisch Leitung für die Großveranstaltung im Theater am Rand zu übernehmen, die erste Letschiner Bandnacht zu organisieren oder gigantische Eichenstämme zu transportieren.

 

Familie Rüdrich

Familienfoto 2001 Foto:Jörg Hannemann

Die Vision - eine Insel mit AltersWG

Lebensqualität erhöhen, um die Leute im Dorf zu halten, sympathische private Investoren motivieren, nachhaltige Initiativen entwickeln, das waren die Schlagworte der politischen Botschaft von Holger Rüdrich, mit der er sich 2005 für das Amt des Bürgermeisters der Großgemeinde Letschin bewarb. Dabei denke er zum Beispiel an die ungenutzte Sporthalle in Ortwig, die Heizkosten verschlingt, ohne adäquat genutzt zu werden, an das Kino in Letschin, das trotz aller Schwierigkeiten ein wichtiges Zentrum im Dorf ist. Auch wenn er bei dieser Wahl nicht genügend Stimmen bekam, wird er sein Engagement für die Region fortführen.

So richtig brennende Wünsche haben sie nicht, alles ist doch gut, so wie es ist. Im Alter, sinnieren die beiden, wenn die Kinder erwachsen sind, könnten doch die Freunde alle zusammen ziehen. Dann bräuchte man nur noch einen Bus und nicht mehr 7 Kettensägen. Man könnte noch autarker leben, unabhängiger von den Unbilden der Marktwirtschaft.

Im Moment jedenfalls sind sie zufrieden, auch wenn der Kontostand zu wünschen übrig lässt und man im Alltag das Glück manchmal suchen muss. Alles ist so gekommen, wie sie es sich gewünscht haben, der Wind hat immer von hinten geweht. Geheizt wird auch heute noch mit Holz und eigentlich hat sich an ihrem Lebensstil nicht viel geändert. Ihren Hof betrachten sie als unschätzbare Wertanlage, als eigene Insel, die sie sich mit viel Kraft und Liebe erschaffen haben. Die Familie ist ein Team und als solches unschlagbar. Jedes Wochenende kommen die Freunde der Kinder, die sich hier zu Hause fühlen. In der Silvesternacht ist der Hof voll und Holger und Dorothee Rüdrich tanzen Walzer und Rock`nRoll.

Und so ist es hier nun doch schöner als überall auf der Welt. Hier fühlen sie sich richtig. Und wenn die Nacht klar ist, gehen sie manchmal über ihr Land, und wenn dann die Sterne leuchten und es wieder so still ist und man weiß, dass im Haus vier Kinder schlafen, dann ist ihnen ungeheuer warm ums Herz und fast ein bisschen zum Weinen zumute.

 

Familie Rüdrich

Inzwischen ist der Hof gepflastert und mit jungen Bäumen bepflanzt.
Fotos: Familie Rüdrich

Familie Rüdrich

Rüdrichs Hof mit Wald und See



Almut Undisz

 

 

 

Link:
Holger Rüdrich – www.holzsteinundeisen.de