"Wohnen heute in Häusern von gestern"

 

Von Susann Persiel

Haus Persiel in Altwriezen

Straßenfront um 1900

Haus Persiel in Altwriezen

Haus ca. 2000

Haus Persiel in Altwriezen

Jo mit Schubkarre

Haus Persiel in Altwriezen

Haus ca. 2000

Haus Persiel in Altwriezen

Hausecke Fachwerk

Haus Persiel in Altwriezen

"Selbst ist die Frau"

Haus Persiel in Altwriezen

Hausecke mit Lehmsteinen

Haus Persiel in Altwriezen

Beim Putzen, 2000

Haus Persiel in Altwriezen

Fertige Hausecke

Haus Persiel in Altwriezen

Beim Baden

Haus Persiel in Altwriezen

Straßenfront 2004

Haus Persiel in Altwriezen

Straßenfront 2006

– ist nicht nur ein Wahlspruch der IG Bauernhaus, sondern vielerorts in unserem Landkreis gelebte Wirklichkeit. Nun gut, die meisten Häuser im Oderbruch sind Häuser von gestern und zum Glück, sind die meisten auch noch bewohnt. Aber eben diese meisten Häuser wurden dem modernen Wohnen nicht nur in ihrer Funktionalität, sondern auch in ihrer äußeren Erscheinung angepaßt.

Auch wir haben uns 1998 entschlossen, so ein Haus von gestern in diesem dünnbesiedelten Landstrich zu kaufen und auch zu bewohnen. Dem ging wohl einiges Suchen, aber nicht langes Nachdenken voraus. Eher folgten wir einer überholten Konsequenz: aufgewachsen in Frankfurt an der Oder, „groß“ geworden in Berlin, Besinnung gefunden im Oderbruch. Das ist kein untypischer Weg für Kinder brandenburgischer Provinzstädte. Gut, heute führen die Wege viel weiter. Wir sind quasi im Karree geblieben. Aus heutiger und auch „damaliger“ Sicht war diese Entscheidung in Zeiten der geforderten „ Mobilitätsbereitschaft“ blauäugig. Aber nicht zuletzt dank der Hilfe unserer Eltern haben wir diesen Entschluß bis heute nicht bereut.

Nach der Besichtigung anderer potentieller Kaufobjekte stießen wir zufällig auf unser heutiges Domizil. Es war Liebe auf den ersten Blick, auch wenn das die Fotos vom Ursprungszustand kaum glauben lassen. Uns gefiel das Haus und vor allem auch das Dorf Altwriezen. Es ist nicht eines dieser typische Straßendörfer, durch die man immer besonders zügig fährt. Man muß sich schon bewußt entschließen, nach Altwriezen zufahren, denn es ist kein Durchgangsdorf. Es führt eine Straße rein und die gleiche wieder raus. Die strahlenförmig um das Rundlingsdorf rein oder auch hinaus führenden Feldwege sind nur was für Insider mit guten Stoßdämpfer, wenn sie denn ein Auto benutzen.

Ja und in diesem Dorf stand es nun, ein Mittelflurhaus mit einem Zettel im Fenster - „zu verkaufen“. Ein Blick durch die Fenster sagte uns, man könne ganz sicher erst einmal einziehen und dann weiter sehen. Denn das wollten wir. Wir wollten nicht jedes Wochenende von Berlin kommen und Subbotnik machen. Ganz oder gar nicht! Da wir schon aus Berlin nicht gerade verwöhnt waren, was den Wohnkomfort angeht (5. Etage, Ofenheizung, Klo halbe Treppe tiefer, Dusche in der Küche), schreckte uns die Haussituation gar nicht. Es war ruhig, unser zweieinhalbjähriger Sohn konnte einfach so rausgehen zum Spielen ohne das ich vorher den Rucksack mit sämtlichen Buddelutensilien, Tee und Apfelstücken packen mußte, um dann das Dreirad an unzählige Autos vorbei zum Spielplatz zu bugsieren.

Andere suchen sich ein Haus dort, wo sie eine Arbeitsstelle finden. Mein Mann suchte sich die Stelle dort, wo wir unser Haus fanden. Schade, dass das nicht die Regel ist in unserem Land. Lange ging das gut. Mittlerweile hat er sich selbständig gemacht mit einem Architektur- und Planungsbüro.

Mit einer Ahnung, was uns an Arbeit erwartet, starteten wir diesen neuen Lebensabschnitt. Daß wir aber doch wohl eher als ahnungslos einzustufen waren, zeigte sich schnell. Heute sind wir da viel realistischer und können Vorhaben besser einschätzen. Träume und Vorstellungen haben wir aber immer noch. Das liegt aber vielleicht daran, daß wir uns nicht selbst unter Zeitdruck setzen. Was wir dieses Jahr nicht schaffen, schaffen wir nächstes. Wenn die Luft raus ist, dann ist das so. Dann muß man mal aushalten können, daß es nicht vorangeht. Schritt für Schritt wird es schon irgendwann so, wie wir uns das vorstellen.

Als wir uns ein Jahr nach dem Erwerb des Hauses daran machten, dieses zu sanieren, trafen wir erst einmal auf ungläubiges Kopfschütteln in der Nachbarschaft, denn wir wohnten ja in dem Haus, welches man doch besser abreißen sollte. Mit einer Handvoll Freunden und Verwandten machten wir uns daran, das Haus Wand für Wand auseinanderzunehmen und es dann unter denkmalpflegerischen und ökologischen Gesichtspunkten wieder zusammen- zusetzen. Alle, irgendwann einmal mit Ziegeln ausgemauerten Gefache, wurden rausgenommen und mit Lehmsteinen  ausgemauert. Nur die mit Lehmstaken gefüllten Gefache blieben erhalten.

Wir zogen zu dritt von Zimmer zu Zimmer, also in unserem Haus einmal im Kreis herum, in der Regel ohne Küche und Bad. Dafür lernten wir die Duschen unserer Nachbarn und das Badegefühl von anno dazumal in Zinkwannen kennen. Ehrlich, man gewöhnt sich an alles. Um so mehr freut man sich auf das erste Vollbad in der eigenen Wanne im noch nicht völlig fertiggestelltem Bad. Das Wohnen von gestern in einem Haus von gestern haben wir also ca. drei Jahre lang pur erlebt. Abwaschen in großen Schüsseln, aber erst noch das Wasser von sonstwo holen und warm machen. Mittlerweile wohnen wir wieder im Heute mit Wanne und Dusche und Geschirrspüler, aber unser Haus ist immer noch von gestern. Die innere Struktur haben wir nur ganz geringfügig geändert, um die Räumlichkeiten sinnvoll nutzbar zu machen. Aber elementare Teile, die das Haus prägen, blieben erhalten. So ist es nach wie vor ein „Mittelflurhaus“, dessen Flur tatsächlich vom Straßengiebel bis zum Gartengiebel reicht. Die Türen, einige von ihnen sind aus der Erbauungszeit des Hauses (1794) wurden samt ihren Kastenschlössern aufgearbeitet, die Dielung abgeschliffen, Wandnischen alter Feuerstellen freigelegt, schiefe Decken und unterschiedliche Raumhöhen erhalten und zum Teil Innenwände aus Fachwerk, auch wenn sie eigentümliche Ausmauerungen aufwiesen, sichtbar gemacht.

Die äußere Struktur wurde augenscheinlich, das heißt, das Fachwerk wurde freigelegt, so daß man heute die Hauskonstruktion sofort erkennt. Das war nicht immer so, denn eigentlich sollten viele Häuser wohlhabenderer Bauern eher städtisch wirken und wurden in diesem Sinne verputzt. So auch unser Haus. Eine klassizistisch anmutende Fassadengestaltung schmückte es einst. Diese Vergangenheit ist heute noch an den Balken zu erkennen, die nicht etwa übersät sind mit Wurmlöchern, sondern mit Spuren der unzähligen handgeschmiedeten Nägel, die den Putz halten sollten. Das taten sie nicht auf Dauer, denn als wir das Haus erwarben, war von der Putzfassade nur noch eine Ahnung übrig. Schön sanierte Mittelflurhäuser mit wiederhergestellten Putzfassaden kann man übrigens in Wriezen – Alt Kiez bewundern. Aber auch in Altwriezen findet man ein unsaniertes Beispiel, das noch gut die alte Putzfassade erkennen läßt. Wir entschieden uns nun aber zu einem Sichtfachwerk, was einerseits unproblematischer ist aus baulicher Sicht und andererseits uns persönlich auch besser gefällt an diesem Ort, also im Dorf.

Die Wände sind wie gesagt mit Lehmsteinen ausgefacht, insofern die alte Lehmausfachung nicht mehr vorhanden war. Innen wurden sie mit einer Schilfdämmung und einem Lehmputz versehen und außen mit einem Sumpfkalkputz und einem Kalkkaseinanstrich. Die vorhandenen DDR-Verbundfenster und auch die wenigen völlig unbrauchbaren alten einfach verglasten Fenster wurden gegen Sprossenfenster ausgetauscht und die zurecht geschusterten Eingangstüren durch zweiflüglige ersetzt. Bei den Fenstern mußten wir die ersten herben Abstriche bei unseren Vorstellungen machen. Denn eigentlich wollten wir gern Kastenfenster einbauen, aber da unser Haus 30 Fensteröffnungen hat, war das für uns nicht finanzierbar. Die dänischen nach außen aufschlagenden Isolierglasfenster sind für uns ein guter Kompromiss. Abstriche mußten immer wieder mal gemacht werden. So hatten wir ursprünglich gedacht, den „historischen“ Raumeindruck nicht durch herkömmliche Heizkörper zu verschandeln und das mit einer Fußleistenheizung zu lösen, aber... Naja, so ein normaler Heizkörper guckt sich auch irgendwann weg.

Aber wir sind nach wie vor bemüht, die alten Baumaterialien und –elemente wiederzuverwenden und gönnen uns auch manchmal den Luxus, fehlende Kleinteile beim historischen Baustoffhandel zu besorgen. Alles in allem war uns aber nie daran gelegen, irgendwann in einem Museum zu wohnen, sonder ein altes Haus so behutsam wie möglich den heutigen Wohnvorstellungen anzupassen. Auch wenn wir uns schon mal anhören müssen, bei uns sei es so „altmodisch“, wohnen wir doch ziemlich modern.

Die Außenhülle und das Erdgeschoß sind mittlerweile fertig, aber ein Großteil an Arbeit liegt immer noch vor uns, denn das Haus ist groß und wir inzwischen einer mehr.

Wenn man aufmerksam durch unsere Dörfer fährt, findet man allerorten in unserem Sinne schön sanierte Häuser, die es anzugucken Spaß macht. Wir können nur wünschen, daß noch mehr alte Häuser liebevoll saniert werden, denn sie sind ja nicht nur Wohnstätte, sondern auch Erbe, welches gerade in den Dörfern nicht nur durch Kirchen und Herrenhäuser lebendig gehalten werden sollte. Auch wenn das mühseliger sein mag, lohnt doch der Aufwand.

 

 

 

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