Neubauern auf dem Muckertberg

Gespräch mit Erich und Erika Klemer

Erich und Erika Klemer

Erich und Erika Klemer, Juli 2007

Erich und Erika Klemer

Auf dem Klemerhof gibt es immer noch viel Getier.
Die frei laufenden Schweine verbreiten eine fröhliche Atmosphäre.

Erich und Erika Klemer

Das Neubauernhaus der Klemers auf dem "Muckertberg"
in den fünfziger Jahren.

Herr Klemer wurde 1936 in Altrüdnitz, dem heutigen Stara Rudnica geboren. „Ich stamme von drüben.“ Bereits seine Eltern waren hier zur Welt gekommen und aufgewachsen. Sie bewirtschafteten einen Bauernhof mit 180 Morgen (ca. 45 ha) Land, davon lagen 40 Morgen westlich der Oder – also in der Bruchniederung. Obwohl dies nur ein knappes Viertel der Gesamtfläche war, spielte die Fläche als fruchtbarer Auenlehmboden eine große Rolle für den Ackerbau des Familienbetriebes. Es ist das Land, das Erich Klemer auch heute noch besitzt. Die Familie hatte vier Kinder, Erich war der zweitälteste.

Zur Wirtschaft der Klemers gehörten auch Fischereirechte in der Stromoder, die auf die Zeit der Trockenlegung zurückgingen. Damals waren an die 28 Fischer von Altrüdnitz jeweils Landflächen und Fischereirechte vergeben worden, sodass diese mit der erzwungenen Umstellung ihrer Ökonomie eine ökonomische Absicherung erhielten. Die Familie hat diese Rechte inzwischen verloren: Zu DDR-Zeiten hätten sie erneuert werden müssen, was den meisten Flüchtlingen nicht bewusst gewesen war. Zwei Nachbarn hatten es übrigens gewusst und ihr Recht verlängert, ohne den anderen Bescheid zu geben. Andere waren in den Westen geflohen und hatten deshalb auch nach 1989 noch die Möglichkeit gehabt, ihr Fischereirecht wiederzuerlangen. Klemers haben von einem Rechtsstreit Abstand genommen. „Wir haben ja auch nichts mehr in der Hand, womit wir das beweisen könnten.“

Der entscheidende Einschnitt für die Familie war der Krieg. Der Vater verhungerte in Gefangenschaft. Im Februar 1945 musste die Familie fliehen. Der damals knapp zehnjährige Erich übernahm die Rolle seines Vaters. Die Flucht führte die Familie erst in die Altmark, wegen der 40 Morgen Land im Oderbruch kam man jedoch zurück nach Neurüdnitz. Die Felder lagen noch voller toter Soldaten, es roch nach Verwesung. Man hatte keine Möglichkeit, die Gefallenen in Würde zu bestatten, meist wurden sie nur verscharrt, um dann beim Pflügen wieder aufzutauchen. „Hier vorn im Garten lag auch ein Landser.“

Kaum in Neurüdnitz untergekommen, musste sich die Familie bald vor dem 1947er Hochwasser nach Freienwalde zurückzuziehen. Die Rückkehr war ihnen lange verwehrt, manche Bereiche blieben noch mehrere Monate unbewohnbar, obwohl „1947 ein trockener Sommer war, da ist viel verdunstet.“ Also landete man zunächst in Neulietzegöricke.

Erst 1949 konnten Klemers dauerhaft nach Neurüdnitz zurückkehren. Im Bereich der Altrüdnitzer Loose (3 Gehöfte), auf dem so genannten Mucker(t)berg wurden Neubauernparzellen ausgewiesen.

Ein höher am Deich gelegener Bereich in der Nähe wurde übrigens „Melkestelle“ genannt, weil hier aufgrund der leichten Erhebung immer ein sicherer Platz zum Melken der Kühe war. Auch beim Hochwasser 1947 erwies sich die kaum wahrnehmbare Erhöhung als Berg: auf der Insel sammelten sich Rehe und Hasen.

Der Name „Spitz“ ist für die Siedlung erst in den letzten Jahren offiziell geworden, er geht auf den alten Fährkrug zurück, der an der Stromoder gestanden hatte (in den Achtzigern abgerissen). Vor 1945 gab es nämlich zwischen Altrüdnitz und Neurüdnitz einen ständigen Fährbetrieb, der von einer Interessengemeinschaft der anliegenden Landwirte getragen wurde. Für die Siedlung wurden auch andere Namen verwendet: Stellpnitze, Neues Dorf, Aufsiedlung, Polenkietz. Der Standort war wegen seiner relativen Wassersicherheit auch für Kartoffel- und Rübenmieten genutzt worden.

Hier nahmen die Klemers ihr Land wieder in Bewirtschaftung und bauten sich ein Neubauernhaus. Das alte Haus in Altrüdnitz war vom Oderufer aus immer noch zu sehen. „Wir konnten von unserem Ufer aus zugucken, wie es abgetragen wurde. Es stand direkt neben der Kirche, die steht auch nicht mehr.“ Erich Klemers jüngerer Bruder floh 1957 in die Bundesrepublik und wurde dort Bundeswehroffizier.

Erich und Erika lernten sich in den fünfziger Jahren beim Tanz kennen. Sie bekamen zwei Töchter und einen Sohn. Der Kollektivierung mussten sie sich, wie alle anderen auch, beugen. In den Jahren davor hatten sie sich eine funktionierende Wirtschaft mit einem Pferd (und Fohlen) drei Kühen und einigen Schweinen aufgebaut. Das eigene Land hatte flächenmäßig knapp unterhalb der Grenze gelegen, ab der die Abgabenlasten nach dem Krieg allzu erdrückend gewesen waren. In der LPG arbeitete Erika in der Tierproduktion und später in der Buchhaltung, Erich war in der Pflanzenproduktion.

In den Achtziger Jahren überließen Klemers das Haus ihrem Sohn und übernahmen eines der drei Loose-Gehöfte von einer Familie, die schon in der Nachkriegszeit eine Schlüsselrolle für ihr Überleben gespielt hatte. Wegen Lungenkrankheit und Hunger in den zwanziger Jahren aufs Land gezogen, hatte die hiesige, damals auf sich selbst gestellte Bauersfrau in den Jahren nach dem Krieg einen guten Start gehabt. „Die Trude hatte ihre acht Kühe gerettet, die ganze Flucht hindurch, bis in die Uckermark und zurück. Wie sie wieder her kam, waren die Russen in Stall und Haus, und die Hälfte war abgebrannt, aber sie hat sich durchgesetzt. Die hatte ein Motorrad und einen Führerschein. Der Hof war der Versorgungspunkt vom ganzen Spitz. Erst war sie gegen die Neubauern gewesen: Da kann ich mir doch keine Puten mehr halten, klagte sie.“ Am Ende war die kinderlose Familie für den jungen Erich Klemer ein wichtiger Rückhalt. Schließlich, selbst schon über fünfzigjährig, erbte er ihren Hof.

Klemers betreiben immer noch ein wenig Landwirtschaft, halten ein paar frei laufende Schweine, ein Pferd und Hühner.
Die Veränderungen der Landschaft nehmen sie deutlich wahr, immerhin hat sich das Oderbruch im Verlaufe ihres Lebens sehr stark gewandelt. „Früher gab es entlang der Oder mehr Gehölze, man konnte nicht bis Bienenwerder sehen.“ Der Verlauf der Gräben und Alten Oderarme ist auch verändert, was sich z.T. im Wegeverlauf ausdrückt. Wenn Klemers an die alten schlammigen Wege und die vielen Widrigkeiten im früheren Landleben denken, erscheint ihnen die Gegenwart sehr komfortabel.

Die Veränderungen des Grundwasserstandes bekommen die Bewohner vom Spitz recht unmittelbar zu spüren, vor allem im eigenen Keller. Ob die jüngsten Schutzgebietsausweisungen entlang der Oderwiesen für den Hochwasserschutz gut sind? Frau Klemer ist sich nicht sicher.

Familie Klemer ist eng mit ihrer Landschaft verbunden. Sie haben ihr Schicksal geteilt und geprägt. Gemessen an früheren Jahren ist es eine Zeit zum Aufatmen. „Was da los war, kann sich eigentlich niemand vorstellen, der es nicht erlebt hat.“

 

Kenneth Anders