Das Leben ist schneller als ein Betonmischer

Vorm Verfall gerettete Häuser, geschaffener Wohnraum und wer dann da lebt

Sabine Hofmann

Von Sabine Hofmann

Ein Sand-Stroh-Gemisch bedeckte den Boden der späteren Küche, in deren Wände Kleinkünstler zwischenzeitlich lebensgroße Figuren graviert hatten...


Von Sabine Hofmann

Aufwachsen in der Natur...


Von Sabine Hofmann

...zeitgleich mit den neuen alten Wänden


Von Sabine Hofmann

Mit Kindergummistiefeln Lehm stampfen oder auch mal beim Mörtelmischen helfen...


Von Sabine Hofmann

Eine Führung durchs Haus für meine ungläubig den Kopf schüttelnde Mutter... "Was habt Ihr Euch da nur vorgenommen?"


Von Sabine Hofmann

Wir haben Brunnen gebaggert...

Ich sitze nach einem langen Arbeitstag zufrieden mit einem Gewürztee und dem gerade erworbenen „Latte macchiato im Busch“ auf meiner warmen Ofenbank.

Schon nach „Hobbits beim Aufräumen“  gehen meine Gedanken konsequent ihrer eigenen Wege – durchs Dorf, über den Hof, durch die Räume des Hauses.

An einem warmen Septemberwochenende vor 13 1/2 Jahren, den Kaufvertrag frisch unterzeichnet, sammelte ich zehn große Wassereimer voll Glasscherben draußen vor den Fenstern auf.  (Ich sammle heute noch Reste, sie wachsen nach.) Aus dem Raum, der heute als Küche genutzt wird, fuhren wir das Sand-Stroh-Gemisch, das den Boden 15cm hoch bedeckte, hinaus – ich mit einer großen Schubkarre, mein zweijähriger Sohn mit einer kleinen Kinder-Blech-Schubkarre. Ein Gehöft nach 15 Jahren Leerstand, zwischenzeitlich offenbar genutzt durch Kleinkünstler, die lebensgroße Figuren in die Wände graviert hatten – in der einen Ecke knistert jetzt das Holzfeuer in der Küchenmaschine, an der anderen Wand türmt sich der Abwasch auf der Spüle.

Aufwachsen in der Natur, wachsen – zeitgleich mit den neuen Wänden, Lehm stampfen für den Putz mit Kindergummistiefeln in der alten Babybadewanne. Alles war Abenteuer. Und Vision. Ein Gang durch das halb verfallene Haus, eine Führung für die teils entsetzten, teils ungläubig den Kopf schüttelnden Familienangehörigen oder Freunde – wir konnten alles erklären, sahen wir doch vor unseren inneren Augen genau, wo die Badewanne stehen, wie die Morgensonne auf den Küchentisch scheinen, an welchen Balken die Hochbetten für die Kinder angeschraubt werden würden. Wir wussten, wo es noch alte – natürlich „historische“ –  Türblätter gab und wie man Beschläge entrostet und der Nachbar konnte uns erklären,  wie man Fensterbögen verputzt.

Und immer waren es „wir“. Hier und auf den anderen Höfen gab es immer nur Namenskombinationen wie T. und A., D. und H., S. und J., A. und K. und so weiter und so weiter. Mit all den Kindern dazu.

Wir haben Brunnen gebaggert, mit Bauschutt Wege geebnet, Wände versetzt, Dächer repariert, Pflanzenkläranlagen gebaut, Gärten angelegt, Feste gefeiert.

Und dabei den ganzen Beziehungswahnsinn des ausgehenden 20., beginnenden 21. Jahrhunderts gelebt. Das haben nur die wenigsten dieser Namenskombinationen überstanden. Im Russisch-Roulette der Partnerschaften wurden nicht nur Balken aufgetrennt und nicht nur Kaseinfarben gemischt.

Wenn ich heute Abend nochmal durchs Dorf gehe – wo es die tausend Sterne und ein klarer Sichelmond immer noch schaffen, mindestens genauso hell zu scheinen wie die vereinzelten Lichter der umliegenden Gehöfte, das nächtliche rote Blinken der Windräder und die seltenen Autoscheinwerfer in der Ferne -, dann bietet sich dem inneren Zensus-Auge ein ganz anderes Bild.

Die meisten unserer Kinder sind in die weite Welt hinaus gegangen. In einer nächtlichen Küchenparty-Runde vor fünf Jahren saß ich mit Freunden zusammen, die alle gerade von möglichen Besuchen bei ihren Kindern sprachen – in Bolivien, Südafrika, auf Mallorca, in Australien. Ein beeindruckendes Bild – wir alle abends um 11 an diesem Küchentisch mitten auf unserer Scholle und unsere Kinder über die Zeitzonen der Erde verteilt.

Und wir hatten uns verändert. Andere Namen kombiniert und viele blieben auch allein.
So war das nicht gedacht. In unseren Visionen. Aber all diese Freigeister und Selbstversorger und Lebenskünstler wollten eben nicht nur ihre Häuser nach ihren eigenen Vorstellungen bauen.






Und so wurden neue Modelle erfunden:

Höfe geteilt,

der Mann im Haus, die Frau
in der ausgebauten Ferienwohnung,

die Frau im Haus, der Mann im ausgebauten Stall,

die Kinder im gemeinsamen Haus, die Eltern abwechselnd da,

der Mann im Haus, die Frau in einem neuen alten Haus,

die Frau im Haus, der Mann über alle Berge,

selten beide weg und auf der Suche nach neuem Glück,

eine neue Frau ins Haus,

ein neuer Mann für die alten Visionen.



Wände wurden eingerissen, aufgebaut, umgebaut, gestrichen, Möbel geschleppt, Bauwagen bezogen, Kinder übergeben, Tiere ab- oder angeschafft, Gärten umgegraben. Manche Katze hat mehrere Beziehungsversuche überlebt.

Es gibt Wohngemeinschaften und Zimmervermietungen, die, die allein in einem Haus leben, (m)ein Mehrgenerationenhaus, Pflegekinder, mutige alte und neue Ehepaare und immer mal wieder ist die Rede von Alters-WG´s.

Wir haben hier gesiedelt, geräumt, geträumt, jeden Stein angefasst und Wurzeln geschlagen.

Manchmal schlackern die Häuser an den Dagebliebenen herum wie ausgeleierte Strickpullover.

Wir reparieren fleißig weiter, trennen auf, stricken neu, immer auf der Suche nach neuen Strickmustern und Schnitten, um hier auf diesem geliebten Stück Land auch den nächsten Winter gut gewärmt zu überstehen.

Jetzt doch heiße Schokolade mit Rum oder einen SandKorn von der eigenen Hecke? Und einen guten Tabak haben sie auch gern geraucht, die Hobbits.






Von Sabine Hofmann

...und Dächer repariert.

Von Sabine Hofmann

...Feste gefeiert...

 
Von Sabine Hofmann

Wir haben viele Fenster provisorisch gekittet.
Wie einen Adventskalender: bis zum 24.12. jeden Tag
ein Fensterchen zu.

Von Sabine Hofmann

Der Zivilisation ein Stückchen näher.

 
Von Sabine Hofmann

...Bauwagen bezogen...

Von Sabine Hofmann

Als er damals beim Streichen der Küche half, dachte noch niemand von uns daran, dass mein Vater einmal im Oderbruch seinen Lebensabend verbringen würde.

 

 

 

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