Die Bürgerinitiative "Stoppt die Oderbruchtrassen"

Ein Gespräch mit I. Wilhelm.

BI "Stoppt die Oderbruchtrassen"

Das Logo steuerten die Künstler Rossa&Rossa und
Sophie Natuschke der Bürgerinitiative bei.

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Am Anfang stehen immer Versammlungen...

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...aber Bürgerinitiativen müssen vor allem in die Öffentlichkeit, wenn sie sich durchsetzen wollen.

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Aktion "Mit Händen und Füssen"
Foto: Uwe Steinert

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Die Aktion "Mit Händen und Füßen" von Maria Wüllner verhalf der Inititive zu besonders eindringlichen Zeichen, die plötzlich in der ganzen Landschaft zu finden waren. Noch heute stehen die beliebten Artefakte an vielen Stellen im Oderbruch - hier am Gabower Gasthof Gänseblümchen in Schiffmühle.
Foto: Kenneth Anders

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Wir versinken während der Verkehr ungehindert wegrollt - mit klaren Bildern erlangte die Bürgerinitiative die Aufmerksamkeite der eigenen Nachbarn.

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Die Bürgerinitiative verstand es, immer wieder Landes- und Bundespolitiker für das Thema zu interessieren: auf dieser Aufnahme sieht man den CDU-Bundestagsabgeordneten Rainer Eppelmann (Mitte) bei einer Aussprache.

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Die Protestierenden standen dicht beieinander und hielten dicht wie ein Oderdeich. Aus der Zeit der Bürgerinitiative sind Beziehungen erwachsen, die noch heute Bestand haben.

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Mit Booten nach Gozdowice: Wer im Oderbruch lebt, braucht keine Trasse.

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Als die Bürgerinitiative die ORB-Sendung "Vor-Ort" für das Thema gewinnen konnte, hatte sie sich bereits einen starken Stand in der eigenen Bevölkerung erarbeitet.

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Die Oder. Die Bewohner des Oderbruchs wissen, dass sie mit einer Widerspenstigen leben. Sie können auch selbst sehr widerspenstig sein.
Foto: Kenneth Anders

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Mit verschränkten Armen, Engagement und Liebe zur Landschaft - so wurden Otto Knoll, Gabriele Gross, Isabel Widera und Jens-Uwe Niehoff als Vertreter der Bürgerinitiativen gegen die Oderbruchtrassen im Jahr 2003 vom Tagesspiegel porträtiert.
Foto: Uwe Steinert









Mit der Verabschiedung des neuen Bundesverkehrswegeplanes im Jahre 2004 haben die Bürgerinitiativen gegen die Oderbruchtrasse vorerst ihr Ziel erreicht: Es wird keine das Bruch durchschneidende Transitstrecke nach Polen geben. Wie haben Sie damals eigentlich von diesen Plänen Wind bekommen? Und was störte Se daran?

Irgendwann im Jahr 1999 tauchte in unserer Tageszeitung eine kleine unscheinbare Meldung auf, die mir die Zeitung aus der Hand fallen ließ. Dann hab ich diese Meldung einfach aus meinem Horizont ausgeblendet, weil sie so unglaubwürdig erschien: Jetzt, nachdem sich die Oderbrücher einigermaßen vom Hochwasserstress erholt hatten und wieder Luft holen konnten, wollte man doch hier sicher nicht solchen Unsinn verzapfen!

Dass es Unglaubliches war, was der Landschaft abgefordert werden sollte, empfand sogar ich nach nur 2 Jahren im Oderbruch.

Und als mir klar wurde, dass es tatsächlich ernst gemeint war, war ich WÜTEND. Dass man die Leute, die ihr Oderbruch vor den Fluten gerettet hatten, einfach verschaukeln wollte, ging nicht in meinen Kopf. Eine Strasse durch eine solch sensible Landschaft! Dass es auch unseren Hof treffen könnte, zog ich damals gar nicht in Betracht, darum ging es ja auch nicht.

 

Bürgerinitiativen entstehen meist spontan, aus einer unmittelbaren Betroffenheit heraus - jemand sieht sich in die Enge getrieben und mobilisiert seine Nachbarn. War dies bei Ihnen auch der Fall? Wie ist es zur Gründung der Initiative gekommen?

Die Oderbrücher waren ja durch das Hochwasser aufmerksam und hatten nach einer Zeit der Lethargie wieder zueinander gefunden. Die Bedrohung der Landschaft durch das Vorhaben "Grenzübergang Hohenwutzen Süd" konnte man wirklich fast körperlich spüren.

So gründete sich die Initiative kurzerhand mit vielleicht knapp 20 Beteiligten auf einem Loose-Hof mitten im Bruch. Vielleicht gab es das vor drei Jahren entstandene Alarmsystem immer noch.

Bei der Gründung der Initiative " Stoppt die Oderbruchtrassen!" war ich selbst nicht dabei.

Man muss dazusagen, dass sich die Initiative später mit dem "Forum Oderbruch e.V." und "Bürgerinitiative Oderbruch" sowie dem NABU Bad Freienwalde und dem BUND Oderbruch zusammengeschlossen hat. Das verhinderte doppelte Arbeit und war in einigen Aspekten sehr praktisch. Wir nannten uns " Bürgerinitiativen gegen die Oderbruchtrasse".

 

Was für Menschen haben sich im Verlaufe der Zeit der Initiative angeschlossen? Waren es eher Einheimische oder Zugezogene, Ältere oder Jüngere, eher Frauen oder Männer?

In der ersten großen Veranstaltung in Neureetz kamen ca. 300 Leute zusammen aus der näheren und weiteren Umgebung.

Es waren Alteingesessene und Zugezogene jeden Alters , Leute aus der Landwirtschaft und Handwerker, auch relativ viele Frauen. Die Künstler waren immer dabei. So waren wir eine bunte Truppe, in der viele Erfahrungen und Ansichten gemischt waren.

 

Und wie war die Organisationsform?

Ich bin fast sicher, jeder von ihnen tauchte im Laufe der Zeit mehr oder weniger regelmässig auf - immer dann, wenn es nötig war. Sie können sich vorstellen, dass man die Einwohner des Niederen Bruchs nicht über Jahre fest einbinden kann. Jeder hat sein Tagwerk und seine Verpflichtungen und so tat jeder für das Oderbruch, was in seinen Kräften stand.

Es gab zuerst einen Versuch, Verantwortlichkeiten für bestimmte Aufgaben in der Bürgerbewegung festzulegen. Das war ein sehr starres und unbrauchbares System.

Dann bildete sich mit der Zeit ein Koordinierungsrat der Bürgerinitiativen, in dem verschiedene Interessengruppen vertreten waren. Wir bestimmten einen Sprecher und damit waren wir handlungsfähig. So konnten wir ad hoc agieren und die Sichtweisen von autorisierten Personen bestimmter Gruppen gut einbeziehen.
Allerdings war auch dieses eine dynamische Einrichtung.

Profitiert von dieser Organisationsform der Bürgerinitiative hat wahrscheinlich der Betreiber der Fernsprechnetze. Gewonnen haben aber die Oderbrücher am meisten: an Erfahrung, Verständnis, Vertrauen, Nähe, Verantwortung.....

 

Für die Kommunalpolitik sind Auseinandersetzungen dieser Art meistens ein Stressfaktor, das muss im Falle der geplanten Strecke besonders gravierend gewesen sein. Immerhin hatte der Verkehrsminister Hartmut Meyer als bekennender Wriezener eine lokale Basis. Wie verhielten sich die kommunalen und lokalen Politiker zu der Auseinandersetzung?

Die Begehrlichkeit des Verkehrsministers Meyer wurde ein Kristallisationspunkt in der Politik. Anfangs war da die persönliche Betroffenheit etlicher Kommunalpolitiker und die Verpflichtung gegenüber Vorgaben, die sie selbst festgelegt oder denen sie zugestimmt hatten.

Der Landrat Herr Reinking war für uns mit seinem sachlichen Herangehen eine große Hilfe. Er konnte sich auch auf die Planungen in seinem Landkreis beziehen und da gab es natürlich auch Formulierungen und Festlegungen für das Gebiet nördlich der Alten Oder.
Es wurde überall sichtbar: Die basisnahen Planungen malten eine andere Zukunft, und auf keinen Fall die einer Trasse. Das Amt und die Gemeinden entwarfen Rad- und Reitwegenetze. Güstebiese plante eine Fähre...

Wie durch eine Lupe wurden bald Verquickungen und Abhängigkeiten um Herrn Meyer deutlich und die Parteizugehörigkeiten wichtig. Taktieren durch Unterlassen, Einschüchterungsversuche waren zu erkennen.

.....aber auch Ringen um Ehrlichkeit . Mit einer Ausnahme hatten sich die Gemeinden und die beiden großen Städte Wriezen und Bad Freienwalde in Stellungnahmen gegen die Trasse ausgesprochen. Mitunter wurde jemand krank und schon konnte die Sitzung ein anderes Ergebnis bringen.
Eben Lokalpolitik.

 

Und gab es Resonanz von anderen gesellschaftlichen Gruppen, etwa von den Kirchen?

Aktive des Naturschutzes waren bei der Bürgerbewegung dabei. Wir hörten auch, dass Jäger gegen die Trasse murrten, dass sich in den Kirchengemeinden der Unmut sammelte, und man intervenieren wollte.
International wurde es, als wir erfolgreiche Versuche deutsch-polnischer Basispolitik unternahmen - Annäherung über Landesgrenzen zu dem heiklen Thema: "Wie baut man Brücken?". Wie bekannt ist, wird zur Zeit an "Brücken in der richtigen Dimension" gebastelt. An der Fähre in Güstebieser Loose/Gozdowice und an der Fußgängerbrücke in Bienenwerder.

Also waren gesellschaftliche Gruppen vieler Art beteiligt. So genau ist das nicht zu unterscheiden. Oderbrücher scheinen in vielen Strukturen eingebunden zu sein.

Bei meinen Telefonaten mit Ministerien, Behörden und der Presse wurde ich mehrmals gefragt: " Wie viele sind Sie denn in der Bürgerinitiative?", und ich konnte die Frage erst nicht verstehen. Denn ich wusste nicht, dass es schon ungewöhnlich war, hinter dem Koordinierungsrat einer Bürgerinitiative immer mehrere hundert Menschen zu wissen. Also gab ich an: im Koordinationsrat 10-15 Leute, kurzfristig zu aktivieren100- 200 Leute, je nach dem was zu tun ist, .auf den Unterschriftenlisten über 2000, und im Niederen Oderbruch wohnen 4000 (die Städte nicht mitgerechnet).

Damit ist klar, dass man "wir - die Bürgerinitiative" und "wir - die Oderbrücher" oft nicht auseinanderhalten konnte, wozu auch.

 

Von außen betrachtet, hat die Bürgerinitiative über mehrere Jahre die öffentliche Debatte über das Oderbruch maßgeblich mitbestimmt. Es ist ihr gelungen, auf verschiedensten Ebenen Verbündete zu finden, durch unterschiedliche Aktionen und Symbole Eingang ins öffentliche Bewusstsein zu finden. Ich würde sogar sagen, Sie haben ein Stück Landschaftsgeschichte geschrieben. Über einen längeren Zeitraum hinweg ist ein solches Engagement aber nicht mehr spontan, wie in der Gründungsphase - es bedarf bestimmter Strategien, man muss die große Anzahl an involvierten Leuten auf irgendeine Weise bei der Stange halten und interne Konflikte austragen. Wie ist ihnen das gelungen?

Ja, fast zwei Jahre, seit die Bürgerinitiativarbeit in eine Ruhephase getreten ist, stehen unsere "Hände und Füße" immer noch an einigen Orten als mahnendes und ermutigendes Zeichen unserer Bürgerbewegung. Und somit wurden wir ein bisschen prägend für die Ortsbilder.

Die Landschaftsgeschichte des Oderbruchs war an einem Scheidepunkt angekommen und die Oderbrücher haben sich mit der Bürgerinitiative für das Oderbruch entschieden.

Das wichtigste war, alle hatten ein Ziel: das Oderbruch als besondere Kulturlandschaft zu erhalten. Sicher aus verschiedensten Beweggründen. Aber alle konnten nur gewinnen.

Kaum einer hatte hat Versuche unternommen, sich herauszuheben, alle hatten verstanden, worum es ging. Und der Beitrag zählte, nicht der Titel oder die Position.

In der Veranstaltung im Mai 2000 mit Herrn Meyer versuchte dieser, sich als großer Vermittler zwischen den Fronten darzustellen. Das Gute für uns war, es gab bei uns keine zwei oder gar mehrere Fronten. Die Leute standen wie ein Ganzes in der Landschaft und wollten sie schützen, wie zu Zeiten des drohenden Hochwassers.

Übrigens: Herr Meyer gab uns an jenem Tag ein Lehrstück, mit welcher Missachtung Politiker dem Bürger entgegentreten können. Wir waren gewarnt und taten viele Dinge erst nach genauer Absprache und zum Teil mit größter Vorsicht.

Allen späteren Versuchen nach dem Motto "Teile und Herrsche" konnten wir jedenfalls widerstehen.

Sicherlich war uns klar, dass wir nach der ersten Aufregung mit einem abflauenden Interesse zu rechnen hatten.

Deshalb versuchten wir zum Beispiel mit unserem "Blättchen für die Vernunft und gegen den Unfug" Aufmerksamkeit zu erlangen, aber auch umfassendere aktuelle Informationen und Argumente zu geben. Die Unterschriftenlisten lagen an vielen Orten aus. Zu den "Kunst Loosen Tagen" wurden wir von außerhalb angesprochen.

Ich glaube, es war eine gute Mischung aus Versammlungen, heimlichen und unheimlichen Aktionen, Zeitungsartikel, Fernsehberichten ... und netten Abenden. Wir waren wohl bei manchen gefürchtet, weil wir aktiv wurden, wann und wo man es nicht erwartete. Manchmal waren wir selbst überrascht.

Irgendwann war ich richtig froh, als wir unter größten Kraftanstrengungen unsere Internet- Seite in einer aktuellen Version online hatten.

Da hatten wir unser Archiv. Sonst wären wir im Papier erstickt.

Die eigentliche Rolle aber, die das Internet hatte, war eine andere. Leute von außerhalb konnten auf einen großen Teil unserer Informationen zugreifen. Und vor allem transportierten wir ein gut organisiertes und starkes Bild, das wohl auch für die Politik wahrnehmbar wurde.

Ein wichtiger Aspekt war es, dass wir sowohl Stellungnahmen der lokalen Politik einholten als auch die Landes- und Bundespolitik in die Verantwortung nahmen. Und zwar so, dass es für alle spannend wurde, denn wir setzten uns mit den "Entscheidern" persönlich auseinander.

Im Ganzen hatte ich zeitweise Angst, dass wir die Leute überstrapazieren. Ungeübt ist es nicht ganz einfach, eben mal einen Zeitungsartikel oder einen Brief zu entwerfen, mit einem Politiker zu diskutieren, Plakate zu malen..., wenn es keine neue Entwicklung gibt oder der Erfolg noch lange nicht in Sicht ist.

Stellen Sie sich vor, wie Ihre Familie reagiert, wenn Sie vom Mittagstisch aufzuspringen und an die Oder zu rennen, nachdem Sie vor einer Stunden von Filmaufnahmen für die BI gehört haben....

Manchmal hatte einer persönlich andere Dinge zu bewältigen. Dann gab es zeitweise "Funkstille". Hat man die Leute nach einer gewissen Zeit wieder "abgeholt", ging es weiter.

Interne Konflikte gab es kaum. Natürlich gab es die Zeit der FFH-Gebiets-Festschreibung, die die Interessen der Landwirte streifte und da war es nicht ganz einfach, die Balance zu halten. Da wir aber wussten, worum es ging....

Aus der heutige Sicht, aus der Sicht des Erfolges, verfliegen solche Erinnerungen natürlich etwas.

 

Ist - einmal von der Verhinderung des Straßenbaus abgesehen - aus der Bürgerinitiative etwas erwachsen, auf das Sie heute noch zurückgreifen können? Haben sich soziale Strukturen gebildet, die noch funktionieren? Oder sind neue Projekte entstanden? Und wie lebt es sich im Oderbruch nach überstandenem Hochwasser und abgewehrtem Trassenbau?

Während der Arbeit in der Bürgerinitiative hatte ich wieder mal das Verkehrs-Ministerium anzurufen: ".. und sie wissen sicherlich, dass die Bevölkerungszahlen im Niederen Oderbruch konstant sind." "Ja, darüber haben wir uns auch schon gewundert" war die Antwort von den Behörden.

Die Oderbrücher wollten und wollen mit der Oder leben. Sie haben sich auf dieses Leben eingestellt.

In der Bürgerinitiative haben wir uns noch besser kennen gelernt und wissen, dass man sich auf viele Leute verlassen kann. Wir haben eine soziale Struktur gefestigt, die wir hier und heute gut gebrauchen können. Es gibt etliche neue private Kontakte. Bei Problemen oder Fragen hilft man sich.

In Güstebieser Loose zum Beispiel haben die Einwohner ein reges Vereinsleben in Gang gesetzt. Einer der neuentstandenen Vereine setzt sich sensibel mit der Geschichte des Loose-Dorfes auseinander und hat viele Interessierte auch von außerhalb gefunden. Die Themen Fähre und Dorfentwicklung haben viele aktiviert und so pflegen wir auch gute Kontakte nach Gozdowice. Unsere Orts-Bürgermeisterin Frau Kiehl hat alle Hände voll zu tun.

Ich selbst kann nun sagen, dass ich mit meiner Familie im Oderbruch angekommen bin, die Landschaft und die Leute schätze, ja, mich in diesen selbstbewussten Landstrich verliebt habe.

 

Über die Jahre ist es doch sicher anstrengend, immer als Gegner eines Projekts aufzutreten und weniger als Fürsprecher einer Sache in Erscheinung zu treten. Deshalb würde ich gern wissen, was Sie sich für die Zukunft des Oderbruchs wünschen - konkret, vielleicht sogar im Hinblick auf die Verkehrsgestaltung, und allgemeiner, wie Sie sich die Zukunft dieser Landschaft vorstellen.

Dieses ist eine interessante Frage. Irgendwann stieß jemand zu uns, der fragte: "...und wofür seid Ihr eigentlich?"

Und zu jener Zeit war ich ein wenig ratlos, zwar hatten wir schon mitbekommen, dass jede lokale Bürgerbewegung sich im Endeffekt um Regionalpolitik kümmern muss, damals aber waren wir uns noch nicht so sicher, ob wir die Kraft haben, darüber nachzudenken, ob das bei drohender Trasse überhaupt angebracht ist. Aber alles zu seiner Zeit ...... ich hab ja schon berichtet, wie man jetzt miteinander umgeht.

Auch heute weiß ich nicht, ob uns Bürgern die Kraft reicht, uns auf Dauer mit so langfristigen Projekten für die Region zu beschäftigen. Es gilt dabei immer, den Vorteil für den Einzelnen im Gesamtkonzept herauszuarbeiten und miteinander im Gespräch zu bleiben. Uns das ist eine harte Arbeit, wenn man sie nur so nebenbei leistet.

Nun will ich vielleicht von meinen Visionen berichten:

Ich sehe ein gut funktionierendes Gemeinwesen im besten Sinne des Wortes. Es gelingt, einige Bedürfnisse aus eigener Kraft zu decken. An einigen Straßenrändern und auf Streuobstwiesen wird Obst geerntet, in den Gärten und auf den Höfen praktiziert man wieder mehr Selbstversorgung, was im eigenen Garten nicht gedeiht, kann man beim Nachbarn bekommen. Für die Familien,die aus der Großstadt zu Besuch kommen, ist es ein Erlebnis mitzumachen oder das Oderbruch zu erkunden, allein oder mit ortskundiger Begleitung. Der Möglichkeiten zu übernachten gibt es etliche, da einige der alten Höfe in den Dörfern und auf den Loosen Herberge anbieten.

Überhaupt sind einige Höfe hergerichtet nach der alten Art. Geld konnte man nicht viel investieren bei Reparaturen der Höfe. Es blieb nichts anderes, als die alten Techniken zu versuchen und so hat man dem Oderbruch das Gesicht gelassen. Hatten viele die Arbeit in den Städten verloren, so hatten sie Zeit. Zeit, die die umtriebigen Oderbrücher nutzten für die Familie, ihre Höfe und die Gemeinden.

Es gibt Spezialisten: zur Beratung in Fragen der Bautechnik - man packt auch mal mit an, zur Betreuung der Kinder im Krankheitsfall, zum Austausch von Saatgut, zum Vermitteln von Übernachtungen, für Nachmittagsklub und die Märchenstunde , zur Gewinnung von Feuerholz, die letzten Räucherkammern wurden wieder aktiviert und braucht man ein Schlachthaus, findet man es. Die Gemeinden schaffen es regelmässig, die gemeinnützige Arbeit zu finanzieren.

Auch im kleinsten Dorf gibt es Dorfentwicklungspläne, die das Einholen von Fördergeldern erleichtern, auch für die Loose-Dörfer.
Und die Landwirtschaft kennt auch jetzt keine Brache. Ab und zu hat man Felder, die nur eingeschränkt oder gar nicht mit Pestizide und anderen Chemikalien behandelt werden. Man prüft, ob sie wirtschaftlich günstiger sind, um hier und da Veränderungen einzuführen.

Und zum Verkehrskonzept: Die kleine Fähre und die Brücke in Bienenwerder deuten ja schon an, dass das Oderbruch kein Verkehrsdurchgangsraum ist. Die Touristen fahren zwar mit dem Auto bis ins Oderbruch, steigen dort oft auf Fahrräder um oder wandern. Die Strassen hier sind nämlich ruhiger als in der Stadt und weniger gefährlich für die Kinder. Besonderer Renner sind die Ausflüge der Gäste in den Wald auf der Höhe am anderen Ufer der Oder. Die Bequemen baden an den Oderwiesen, die Sportlichen fahren bis zum Moriner See.

In diesem Jahr gab es auf dem Oderdeich erstmalig Skater- Sprintwettbewerbe.

Neu sind die Kleinbusse, die in der Woche Verbindungen zwischen den Dörfern bis in die Städte bedienen und auch Gäste vom Bahnhof abholen. Regelmäßig, und bei Bedarf zusätzlich telefonisch zu bestellen.

Im Frühjahr und zur Ernte sind jedes Jahr die Maschinen der Landwirte unterwegs, das gehört aber dazu. Nur die Rübentransporte sind nicht mehr so mächtig.
Über allem aber steht eines:
Wir leben mit der Oder,
wir leben mit einer Widerspenstigen.

 

Die Bilder dieses Beitrages sind bis auf die benannten Ausnahmen der Homepage der Bürgerinitiative entnommen.

Kenneth Anders

 

 

Download:
<<< Blättchen für die Vernunft und gegen den Unfug: TRASSE ODER BRUCH (pdf-Datei)