Zäckericker Loose

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch III

Von Udo Schagen

In einer Initiative der Gemeinde Oderaue für Hinweisschilder mit kurzen Ortsporträts zur Information von Besuchern (und sicher auch von Bewohnern) schrieb Udo Schagen unter Mitwirkung von Ortsvorstehern und interessierten Bürgern im Jahr 2016 kleine Steckbriefe, die wir hier nach und nach veröffentlichen. Damit einher geht die freundliche Bitte an Menschen im ganzen Oderbruch, ebenfalls kurze Beschreibungen ihrer Dörfer zu schreiben. Wir veröffentlichen sie gern!

 

Wir befinden uns im östlichsten Ortsteil der Gemeinde Oderaue direkt an der Odergrenze zu Polen. Der Name bezeichnet eine ursprüngliche Streusiedlung aus einzelnen Loosegehöften. Dies sind Höfe, die durch die „Separation“ ihre Lage außerhalb der Dörfer erhielten und einzeln inmitten des ihnen zugehörigen Landes standen. Gemeinschaftlich genutztes Land war auf die einzelnen Eigentümer verteilt und auch sonstige zersplittert gelegene Flächen zur Verkürzung der Wege zusammengelegt worden. Durch diese Flurbereinigung. konnten im 18. Jahrhundert nicht alle im Dorf liegenden Höfe direkten Zugang zu ihren Feldern behalten. Wen das Los (damals „Loos“) traf, der baute seinen Hof ab (oder, wie es damals hieß: „aus“) und setzte ihn auf das zugehörige Feld. So erhielt das frühere Zäckerick (heute Sikierki in Polen) die Streusiedlung Zäckericker Loose.

Mitte des 18. Jahrhunderts kam es durch den Bau des Neuen Oderkanals zur dauerhaften Trockenlegung des Oderbruchs. Die Wasser der bis dahin weit über die Ufer tretenden und sich so immer neue Flussbette grabenden Oder flossen jetzt hier. Und mit der Schaffung von Siedlungen für insgesamt 10.000 Zuwanderer erfolgte die Abtrennung der Zäckericker Loose vom ursprünglichen, nun auf der anderen Seite der Oder gelegenen Dorf Zäckerick. Die auf der rechten Oderseite verbliebenen Bauern nutzten zur Bewirtschaftung ihrer Flächen täglich die Fähre oder die 1755 errichtete Holzbrücke. Nichtgemeindemitglieder zahlten Zoll. Der Wohnplatz an der Brücke, die ursprüngliche Brückenkolonie, trägt seither den Namen Zollbrücke. Die Brücke hielt den Hochwassern der Oder nicht lange stand und wurde bereits nach fünfzig Jahren durch eine Kettenfähre ersetzt, die bis 1945 in Betrieb blieb.

Ab Februar 1945 lag der Ort im Kampfgebiet der Roten Armee, die sich zum Sturm auf die Seelower Höhen vorbereitete. Er füllte sich mit Flüchtlingen aus den ehemals deutschen Ostgebieten, sodass sich hier im Jahre 1946 391 Bewohner drängten. Aus dem nahen Gutsbesitz (Friedrichshof und Ferdinandshof) entstanden elf Siedlerstellen, 1949/50 neben der Schule noch zehn Wohnstallhäuser.
Beispiele für die 24 Einzelhöfe, aus denen die Siedlung bis 1945 bestand, inzwischen verputzt und mit ziegelsichtigen Wirtschaftsgebäuden, sind die Grundstücke 11, 68 und 71. Am Anfang des Ortes, von Neurüdnitz kommend, steht Kauls Mühle (Nr. 2), eine Motormühle am Standort einer 1830 errichteten Bockwindmühle, seit 1940 mit Elektroantrieb, die von der LPG „Thomas Mann“ ab 1955 noch als Futtermühle genutzt wurde und bis 1978 lief.

Der Ortsteil Zollbrücke wurde durch das Hochwasser 1997, das fast zur Überschwemmungskatastrophe führte, weithin bekannt – das Oderbruch samt seinen Viehbeständen war evakuiert, die Bundeswehr, „Deichgraf“ Platzeck und Kanzler Kohl waren hier. Ein Dammbruch konnte knapp verhindert werden. In der Folge wurden die Deichanlagen um einen ganzen Meter erhöht und wesentlich verbreitert. Das Haus Nr. 5 am Deich wie insbesondere die Nr. 10, das ehemalige Wohnhaus vom Ende des 19. Jahrhunderts des ersten Deichinspektors im Mitteloderbruch, Johann Friedrich Christiani, sowie auch des späteren Dammmeisters, mit Scheune und Stallgebäude erinnern an die ursprüngliche Nutzung. Heute befindet sich hier eines der insgesamt drei Restaurants des Ortes, die Dammmeisterei. Die anderen sind der Gasthof Zollbrücke (auch mit Zimmern) und die Randwirtschaft. Letztere hat ihren Platz im weithin bekannten Theater am Rand, das mit seinen beiden Protagonisten, dem Akkordeonisten Tobias Morgenstern und dem Schauspieler Thomas Rühmann, mit fünf Vorstellungen jeweils von Donnerstag bis Sonntag Besucher von weither anlockt und oft auf allen 200 Plätzen des ungewöhnlich gestalteten Holzbaues ausgebucht ist (Programm über www.theateramrand.de). Der Ziegenhof von Michael Rubin lockt regelmäßig Besucher und verkauft selbst erzeugte Produkte. An sonnigen Wochenenden fassen die wenigen Wege, der Oderstrand und der Deich kaum die mit Fahrrad, Auto und Bus kommenden Besucher.

Weitere Gewerbetreibende sind die Zimmervermietung Anetta Kaul, Hausmeister Klaus-Dieter Schmidt, Pferdepension und Steinmetz Tim Wolff, Elektriker Sven Matzkow. Heute leben hier 137 Einwohner.

 

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Kauls Mühle. Der Standort wurde schon in der Zeit der Bockwindmühlen für die Müllerei genutzt.

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Die einzeln stehenden Loosegehöfte stehen wie kleine Kraftzentren in der offenen Landschaft.

 

 

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Seit Jahren sind in Zollbrücke – sehr zum Ärger der Bewohner – Spuren der Bibertätigkeit zu beobachten.

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Blick vom Oderdeich auf Häuser von Zollbrücke.