Neuküstrinchen

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch I

Von Udo Schagen

In einer Initiative der Gemeinde Oderaue für Hinweisschilder mit kurzen Ortsporträts zur Information von Besuchern (und sicher auch von Bewohnern) schrieb Udo Schagen unter Mitwirkung von Ortsvorstehern und interessierten Bürgern im Jahr 2016 kleine Steckbriefe, die wir hier nach und nach veröffentlichen. Damit einher geht die freundliche Bitte an Menschen im ganzen Oderbruch, ebenfalls kurze Beschreibungen ihrer Dörfer zu schreiben. Wir veröffentlichen sie gern!

 

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Das Hinweisschild in Neuküstrinchen, 2017 aufgestellt

Namensgeber dieses Ortes ist der ursprüngliche Ort Custrineken (aus dem slawischen Kustarnil=Gestrüpp, Busch). Er liegt auf der rechten Seite der Oder, heute in Polen, und wird seit dem 13. Jhdt. erwähnt. Lange Zeit gehörte er zum Kloster Zehden (heute Cedynia) und hieß seit der Oderbegradigung Alt Cüstrinchen (heute Stary Kostrzynek). Mit dem Bau des Neuen Oderkanals im Jahre 1753 und dem Beginn der Trockenlegung des Oderbruches entstand bis 1758 die friderizianische Kolonistensiedlung Neuküstrinchen als zweizeiliges Straßendorf in Nord-Süd-Ausrichtung mit dem Schachtgraben in der Mitte. Wegen der noch weiter bestehenden Hochwassergefahr und der Feuchtigkeit des Grundes wurden die Siedlungshäuser der zweiten Generation auf 4-6 Fuß hohen Erdhügeln, befestigt durch eingerammte Pfähle gebaut. 1758 waren 36 Häuser für die Neusiedler, im Wesentlichen aus Oberösterreich, der Pfalz und aus Polen, fertig gestellt. Vier winkelförmig ausgerichtete Wirtschaftsgebäude um die zentrale Kreuzung erhielten je 90, acht weitere kleinere Gebäude je 45 und die 24 Kleinkolonisten je 10 Morgen Land. Danach konnten hier in der bis dahin sumpfigen Bruchlandschaft 36 Familien mit über 1000 Morgen Land, insgesamt 192 Einwohner leben.

Schon 1766 war auch eine Simultankirche für die Lutherischen und die Reformierten fertig gestellt worden, die aber 1878 bis 1880 durch den Backsteinbau des jetzigen "Doms" des Oderbruchs ersetzt wurde. Die Größe des Gebäudes mit einst 1.400 Sitzplätzen war auch für die Einwohner der Nachbardörfer Neurüdnitz, Adlig und Königlich Reetz, Neuranft und Neuwustrow, denen sie als Zentralkirche dienen sollte, ausgelegt. Ihr Standort sicherte, dass alle einen etwa gleich weiten Weg hatten. Ausführliche Informationen zur Kirche finden sich in ihrem Eingangsbereich. Der an der Kirche gelegene Friedhof weist Gedenkstätten für die Gefallenen des 2. Weltkriegs verschiedener Nationalitäten auf.

Die ursprüngliche Struktur des Dorfes und der Gebäude kann bis heute am begrünten Anger und den Gebäuden Nr. 10, 49, 56-64 (Nr. 56/57 - letztes erhaltenes Doppelhaus) und dem ursprünglichen Pfarrgehöft Nr. 67 nachvollzogen werden. 1906 entstand das Gebäude für eine Einklassenschule (Nr.2).

 

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Die Kirche von Neuküstrinchen, wegen ihrer beachtlichen Größe weithin zu sehen und landläufig als "Dom des Oderbuchs" bezeichnet.

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Historischer Ortsplan des Kolonistendorfes Neuküstrinchen. Die strenge Anlage des preußischen Angerdorfes ist ebenso gut zu erkennen wie die unterschiedliche Größe der Kolonistenstellen.

 

Kurz vor Kriegsende zog die Gemeinde den starken Beschuss durch die bereits Ende Januar bis zur anderen Oderseite vorgerückte Sowjetarmee auf sich, weil die Wehrmacht vom Kirchturm aus den Artilleriebeschuss Richtung Oder leitete. Die 1. Polnische Armee bereitete sich von hier bis Güstebiese gemeinsam mit sowjetrussischen Kräften bis Mitte März zum Sturm auf die Seelower Höhen vor. In der nur wenige Tage dauernden letzten Schlacht vor Berlin fielen noch einmal etwa 60.000 Angehörige der Roten Armee sowie 25.000 Soldaten der Wehrmacht. Bis heute finden sich Munition, Ausrüstungsgegenstände und Knochen der Gefallenen auf den Feldern. Eine Ausstellung des hiesigen Gedenkstättenvereins gibt genaue Informationen.

Mehrfach war der Ort von schweren Hochwassern betroffen, insbesondere 1838 sowie 1947, als die Flut nach der Wasserstandsmarke an der Kirchenturm-Innenwand 1,20 m und am Nordende des Dorfes 3 m hoch stand und zahlreiche Gebäude vernichtete.

1955 wurde die LPG des Ortes gegründet und 1956 ein eigener Maschinen-Stützpunkt der MTS Altranft. Außerhalb des Dorfkerns liegen die Ortsteile Paulshof sowie Neuranft, wo sich das Flutzeichen zum Gedenken an das Hochwasser 1997 befindet. Neben der 1991 gegründeten Agrogenossenschaft e.G. und dem Spargelhof Uwe Möwis, dem Getränkehandel O. Möwis betreibt R. Maske einen Sanitärbetrieb. Übernachten kann man in der Pension Alte Weide und beim Oderbruchcamping Ulrich Köhler. Die Einwohnerzahl betrug 1871: 411, 1939: 239 und derzeit noch 205 Einwohner.

 

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Die Häuser auf den ältesten Höfen stehen deutlich erhöht – Baukultur im Bewusstsein der Hochwassergefahr.

Steckbriefe von Dörfern im Oderbruch

Blick über den Dorfanger. Neuküstrinchen besitzt einen Dorfteich