Loose-Geschichte im Oderbruch

 

Von Thomas Förder

Rauchschwalben

Loose-Gehöft mit Wirtschaftshof, Stall
und Hofscheune. Foto: Steffi Bartel



Rauchschwalben

Ein Storch auf der Suche nach Nahrung in der Nähe
eines Loose-Gehöftes. Foto: Steffi Bartel



Rauchschwalben

Loose-Gehöft mit Wirtschaftshof, Stall und
Hofscheune. Foto: Steffi Bartel

Wie alle Landschaften weist auch das Oderbruch eine Reihe von Merkmalen auf, die es von anderen im Osten Brandenburgs unterscheidet. Ein solches besonders auffallendes Merkmal stellen zweifellos die Bauernhöfe und Siedlerstellen dar, die scheinbar regellos zwischen den Ortschaften entlang der Straßen oder frei in der Feldflur liegend das Landschaftsbild ganz erheblich mitbestimmen. Mit all ihren Ähnlichkeiten dabei aber auch nicht unerheblichen Unterschieden allein schon im Erscheinungsbild werfen sie für den Betrachter eine Reihe von Fragen auf, die keineswegs nur ästhetischer Natur sind. Zum besseren Verständnis der vorliegenden Gegebenheiten und für die Diskussion zum Umgang mit den Loose-Gehöften bis in die Zukunft hinein, kann ein kleiner Ausflug in die Entstehungsgeschichte vielleicht anregen.

Wir müssen zurück bis in die Reformzeit und beginnende Industrialisierung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Reichseinigung 1871. Den Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Bereichen konnten die tradierten Ordnungen und Strukturen zunehmend nicht mehr gerecht werden und machten Reformen notwendig. Diese vollzogen sich in den einzelnen deutschen Ländern bei allen Gemeinsamkeiten recht unterschiedlich. Preußen war das erste Land in Deutschland, welches diese als Stein-Hardenbergsche Reformen umfassend in Angriff nahm. Hierzu zählte mit ganz enormer Bedeutung die Gemeinheitsteilung und Separation, welche begleitet war von der Aufhebung der Gutsuntertänigkeit – der sogenannten zweiten Leibeigenschaft – mit dem Gesindezwangsdienst, Frondiensten und anderen Belastungen für die Bauern.

Diese hatte in ersten Ansätzen in Brandenburg, dabei nicht zuletzt auch im Oderbruch bereits zuvor, vornehmlich unter Friedrich II. begonnen. Moderne Fruchtwechselwirtschaft, gebietsweise auch Koppelwirtschaft, die Einführung neuer Feldfrüchte wie u.a. Kartoffel, Mais und Tabak, Anbau von Kohl, Rüben, Raps, Flachs u.a. in der Feldwirtschaft, neu entwickelte Agrartechnik ermöglichten und verlangten eine rationellere Bewirtschaftung des Landes. Der Hintergrund sind u.a. das Bevölkerungswachstum, die Entwicklung von Manufaktur und Industrie und die damit einhergehende Vergrößerung der Städte beim Übergang zum Kapitalismus. Dem konnte die überkommene Dreifelderwirtschaft in Gemengelage mit Flurzwang nicht mehr entsprechen. Erste Separierungen zunächst der Gutsflächen vom Bauernland, um auf den Gütern eine rationellere, gewinnbringendere Bewirtschaftung zu ermöglichen, datieren schon von der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zunächst überwog sowohl bei den Großgrundbesitzern wie auch den Bauern der Anteil der Beharrung und Widerstände. Nach mehreren Anläufen verfügte Friedrich II. 1777 für seine Domänen, und das betraf ein Gutteil des Oderbruchs – auch eine Besonderheit -, als Beginn der Regulierung, dass alle Domänenbauern das Eigentum an ihren Höfen samt deren Vererbbarkeit erhielten und die Aufhebung der Gutsuntertänigkeit. Den Gesindezwangsdienst verbot er bereits 1763.

Nicht von ungefähr nahmen in Brandenburg im Oderbruch schon vor 1811 auch die ersten Bauern ihr jeweils zusammengelegtes Land aus der Gemengelage der Gemeinde und bauten dort ihre Wirtschaften neu auf, und zwar 1786 deren drei in Letschin. Die große Mehrheit der Bauern und Kossäten scheute u.a. noch die hohen Kosten für Ab- und Wiederaufbau. Erst nachdem sie den wirtschaftlichen Erfolg sahen, separierten Anfang der neunziger Jahre weitere Bauern und Kossäten auf ihr Land. Ein erster Versuch wurde sogar schon 1776 in Neu-Lewin von drei Kolonisten unternommen, scheiterte dort aber noch an der übrigen Gemeinde und dann auch der Domänenkammer.

Als Verfahren setzte sich dabei in der Folge bei größeren Separationen durch, die zusammengelegte Feldmark in neue Grundstücke aufzuteilen und diese zu verlosen. Dabei zog jeder Beteiligte nach Stand ein Los mit den Angaben über sein neues Grundstück. Dem entsprechend wurde die betreffende Gesamtfläche, die zur Verteilung gelangte, als Loose, das einzelne Grundstück als Loos bezeichnet. An dieser Stelle bietet sich an, darauf zu verweisen, dass hier zur damaligen Zeit der von Berlin ausgehende sprachliche Einfluss noch nicht im Oderbruch angelangt war, sondern das Plattdeutsch in einer seiner verschiedenen Varianten herrschte.

In der Folge, besonders aber nach 1810, kam die Separation in Fahrt und gewann an Umfang. Das war besonders dem sogenannten Oktoberedikt von 1807 König Friedrich Wilhelm III. geschuldet, welches ab 1810 u.a. die Gutsuntertänigkeit aufhob, sowie dem Regulierungsedikt von 1811 zur Regulierung der beiderseitigen Rechte und Pflichten der Gutsherren und Bauern, wozu besonders die Abschaffung des Obereigentumsrechts der Gutsherren an den Bauernwirtschaften gehörten. Weiter wurde mit der Ablösungsverordnung von 1821 die gesetzliche Grundlage für die Ablösung von feudalen Abgaben und Dienstleistungen geschaffen. Dieser Prozess vollzog sich auch im Oderbruch nicht ohne Konflikte, Schwierigkeiten sowie örtlich bedingte Unterschiede und kam erst Mitte der achtziger Jahre zu Ende.

Seither ist viel Zeit mit ihren Geschehnissen über die Loosen mit ihren Gehöften hinweggegangen und hat ihre Spuren hinterlassen. Manche sind völlig verschwunden, andere nur noch als Ruinenreste in Feldgehölzen auffindbar, die meisten haben Verluste an ihren ländlichen Profanbauten – oft die Querscheune – aufzuweisen, einige haben Überformungen durch neuere Bauweisen aufzuweisen, fast alle eine Umnutzung erfahren. Auch heute finden viele Resthöfe in den Loosen Interessenten, die sich ihrer annehmen und notwendigen Rekonstruktionen unterziehen. Auf das Ganze gesehen, stellen sie auch heute ihre Lebensfähigkeit unter Beweis, sind im Heimatgefühl der Oderbrücher verankert und stellen ein unverzichtbares Element der Oderbruchlandschaft dar.

 

 

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