Seit Jahrtausenden verehren die Menschen ihre großen
Flüsse und haben sie wegen der Bedeutung für ihre
Existenz zu Gottheiten personifiziert. Der Flussgottkult entstand
in den alten Zivilisationen des Zweistromlandes, Ägyptens,
Griechenlands und Roms. Die Museen in Kairo und die Vatikanischen
Sammlungen sind voll von sehr alten und äußerst
wertvollen Plastiken der verschiedenen Flussgötter.
Mit ihrem Voranschreiten wurden die Menschen von der Natürlichkeit
ihrer Flüsse unabhängig und die Flussgötter
verloren an Bedeutung. Zu Beginn des Barock jedoch erinnerte
man sich wieder dieser alten Tradition. Diese Epoche wurde
zur Geburtsstunde des Flussgottes unserer Oder.
Auf den ältesten Kartenwerken wird die Oder als Viadrus
fluvius bezeichnet. Von diesem Namen leitet sich der Name
der Flussgottheit Viadrus ab. Auch der Name der Europa-Universität
Viadrina hat hier seinen Ursprung. Er bedeutet nicht weniger
als, "die an der Oder gelegene". Ich lade den Leser
ein, mit mir auf eine Reise zu gehen um den Nachweis der "Existenz"
des Odergottes zu erbringen. (Abb.1)
Wir beginnen am einstigen Berliner Tor in Stettin, das heutige
Brama Portowa. Das von Gerhard Cornelius Wallrave entworfen
Tor wurde 1724-1725 als Teil der Stadtbefestigung vom Preußenkönig
Friedrich Wilhelm I. errichtet. Der schmale Fries über
dem Tordurchgang zeigt einen nach links blickenden, im Schilf
gelagerten muskulösen Mann. Mit dem linken Arm lehnt
er an einer Quellurne, den Fluss darstellend, die rechte Hand
hält ein Ruder, ein Hinweis auf die Schiffbarkeit des
Flusses. Er ist mit nacktem Oberkörper dargestellt, seine
Lenden werden von einem Himation, einem rechteckigen Stück
Wollstoff bedeckt, wie es im alten Griechenland Mode war.
Viadrus blickt über eine Flusslandschaft, auf der man
die Silhouette der Hafenstadt erkennen kann. Die Darstellungsweise
entspricht einem Modus, der im 2. Jahrhundert vor Christus
entstand und dem wir von da ab in der Kunstgeschichte immer
wieder begegnen werden.
Kommen wir nach Bad Freienwalde, finden wir die Darstellung
der Flussgottheit auf dem Hauszeichen des Oderlandmuseums,
einer Arbeit des Bildhauers Horst Engelhardt aus Jäckelsbruch
bei Wriezen. (Abb.2)
Eine weitere, mit der Region des Oderbruchs verbundene Abbildung, zeigt das Siegel der "Ritterschaft vom Deich-Bande des Oder-Bruchs" um 1804. Die lateinische Inschrift lautet "Vigilantibus parum obest" oder "Den Wachsamen schadet er nicht sehr". (Abb.3)
Frankfurt an der Oder ist mit der Entstehung zweier Medaillen
verbunden, die den Odergott darstellen. Die erste ist ein
in Silber gegossener Nachruf auf Herzog Leopold von Braunschweig,
der am 27. April 1785 in den Fluten des Oderhochwassers bei
einer Rettungsaktion den Tod fand. Hier lehnt der Odergott
an einer Quellvase mit der Aufschrift VIADRUS, darüber
die lateinische Inschrift ALIIS INSERVIENDO LUGEO oder: Ich
beweine den, der im Dienste für andere ertrank.
(Abb. 4)
Die zweite Medaille ist moderner Herkunft und wurde anlässlich
der 750 Jahrfeier der Stadt Frankfurt an der Oder geprägt.
Anlässlich dieses Stadtjubiläums erschien Viadrus
"persönlich" umgeben von seinen Lieblingsnixen
auf dem ersten Wagen des Festumzuges.
Den Lauf der Oder folgend gelangen wir zu dem schlesischen
Ort Dyhernfurth (Rrzeg Dolny). Im Park zwischen altem Schloss
und Oderufer sind zwei schwer beschädigte Plastiken aus
Eisenkunstguss, vermutlich französischer Herkunft um
1900, erhalten. Eine zeigt den Odergott, die andere die mythologische
Gestalt der Oderfürstin. Die wohl wertvollste Darstellung
des Odergottes hält die Stadt Breslau für uns bereit.
Hier in der Leopoldina - Aula der Universität, direkt
über der Empore, dem Chorbalkon, hat ihn der Olmützer
Maler Johann Christoph Handke 1732 neben den mythologischen
Gestalten der Wratislawia und der Silesia an die Decke gemalt.
(Abb. 5)
Ein zweiter Viadrus stammt vom Maler Felix Anton Scheffler
und ziert seit 1734 den Plafond des Kaiserlichen Treppenhauses,
das vor wenigen Jahren mit umfangreicher finanzieller Hilfe
aus Deutschland seine ursprüngliches Aussehen erhielt.
Eine moderne Abbildung des Oderflussgottes schmückt ein
Kristallglas der inzwischen geschlossenen Julia-Hütte
Piechowice, geschnitten von der ortsansässigen Glaskünstlerin
Ma?gorzata Sztabinska. Ebenfalls vor kurzem entstanden ist
eine Holzplastik des Wassergottes in Form eines Flachreliefs
aus der Werkstatt der Oderbruchkünstlerin Sabine Rossa.
(Abb. 6)
Die lange verschollene Figur des Viadrus, es möge an den Wirren der Zeit liegen, die die Oderufer über Jahrzehnte beherrschten, erlebt nun eine erfreuliche Wiedergeburt. Sie wird Anlass sein, sich in Zukunft ausführlicher mit der Mythologie unserer Oder zu beschäftigen, die solche Figuren kennt, wie die Oderfürstin, die Odermuhme Odrabil, die Wasserfrauen und Nixen oder den Wassermann Utoplec, den Otterkönig, die Mora usw. (Abb. 7)
Den Flussgott der Oder sollten wir im 500. Jahr der Wiederkehr der Gründung der Viadrina, der Hohen Schule zu Frankfurt, die Bedeutung zuordnen, die er als Symbolfigur der drei Anrainerstaaten verdient. Möge er zum Bindeglied werden zwischen den europäischen Regionen Mähren, Schlesien, Brandenburg und Pommern, die wir heute wieder benennen dürfen, als wären es die Toskana, Südtirol oder das Elsass.
Man darf sich nicht die Frage stelle, ob man an den Odergott
glaubt, man muss ihn anerkennen als eine Art "Atmosphäre"
als die Gemeinsamkeit der Ausstrahlungen, die von diesem Stromgebiet
abgehen. Während einst der Odegott aus' der Oder heraus
geboren wurde, muss er heute umgekehrt die nun dreistaatliche
Oder im modernen Europa neu erschaffen. Professor Karl Schlögel
von der Viadrina beantwortete kürzlich im "Spiegel"
die Frage eines Journalisten mit den Worten: "...aber
Europa ist nicht an der Oder zu Ende. Europas Karte wird neu
gezeichnet."
Solche Worte sollten alle jene Politiker bedenken, die ihr
verantwortungsvolles Amt cis et trans Oderam fluvius ausüben.
Viadrus wird es jenen danken, die die Oderdeiche wie selbstverständlich in alle Richtungen überwinden, die zu den neuer Ufern seines Wasserreiches aufbrechen.
Text und Fotos: Dr. Ernst-Otto Denk, Bad Freienwalde
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