Das Oderbruch im Oderbruchpavillon
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Lübbering-Stiftung, Neulewin, April 2010

Prof. Dr. Hannelore Scholz Lübbering, Neulewin


Das hätte ich mir nie träumen lassen

Nach einem Gespräch mit Prof. Dr. Hannelore Scholz Lübbering, Neulewin

Das Oderbruch kenne ich seit 1980. Es war Liebe auf den ersten Blick. Als Berlinerin nahm ich die Landschaft mit ihren unendlichen Weiten, mit den verschiedenen Grüntönen der Baumreihen, den Deichen und den verträumten Ufern der Oder als eine Idylle wahr.

Dass sie es nicht war, minderte die Liebe nicht. Die Oderbruchlandschaft war damals „offen“, frei, mit weitem Blick bis zum Horizont. Heute blinken nachts die Windkrafträder, die am Tage wie Fremdkörper in den Himmel ragen. Verschandelte Landschaft. Damals hatte ich in Neurüdnitz einen Bauernhof übernommen und ausgebaut. Es war ein typisches Bruchdorf. Meine beiden Töchter und ich waren gern dort, auch Kollegen, die hier Urlaub machten. Der Ausbau hat viele Jahre gedauert, es musste vieles erneuert werden; Licht, Wasser, Fußböden.  Während dieser Zeit ist ein freundschaftliches Verhältnis zu den Bewohnern im Dorf gewachsen. Wenn ich morgens aufwachte, stand oft schon der frische Hefekuchen auf dem Fensterbrett. Der Bürgermeister selbst hat in Gummistiefeln in der Klärgrube gestanden und bei der Modernisierung geholfen.

Ich bin Germanistin und habe an der Humboldt-Universität in Berlin geforscht und gelehrt. 1989 hatte ich einen Arbeitsvertrag an die Complutense-Universität Madrid unterschrieben. Meine Töchter waren inzwischen erwachsen, sie hatten kein Interesse an dem Haus, die Schwiegersöhne auch nicht. Da musste ich es aufgeben.

Aber kaum war ich in Spanien, fiel die Mauer. Ich bin nach wenigen Wochen zurückgekehrt und habe in Berlin den Unabhängigen Frauenverband mit gegründet. An der Universität etablierten wir ein Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung. Nun begannen für mich Jahre des freien Forschens und Reisens. Ich nahm Gastprofessuren in den USA und in Japan an, konnte zu vielen internationalen Tagungen reisen, forschen und publizieren.

Meine Liebe - das Oderbruch – ging mir aber nicht aus dem Sinn. Meine Tochter bekam ein Kind und plötzlich war das Bedürfnis nach dem Land an der Oder wieder erwacht. Wir fanden ein kleines Fachwerkhaus, das dem früheren Müller von Neulewin gehört hatte. Es liegt am Ortsrand, die Mühle existiert nicht mehr. Hier begann das Planen und Bauen von Neuem. Und auch hier kommen wieder Kollegen vorbei. Meine beiden Dekaninnen aus den USA haben in Neulewin schon mit Malerrolle und Spaten gestanden. Aber das Leben in diesem Dorf ist anders. Liegt es an der Zeit oder am Ort?
1997 habe ich meinen Mann kennengelernt. Er hat eines meiner Projekte unterstützt. Ich hätte nie geglaubt, dass es ihm hier gefallen würde, aber das Haus im Oderbruch wurde zum gemeinsamen Ort für uns beide, ein schönes Zuhause, das wir lieben.

Mein Mann kann dem Verfall alter Höfe und Häuser im Ort nicht tatenlos zusehen. Er überzeugte mich, diesen Prozess wenigstens punktuell zu stoppen. So erwarben wir die alte Gärtnerei in Neulewin, die marode Bäckerei und den Moserhof. Wir haben eine Stiftung gegründet und begonnen, diese Gebäude zu sanieren. Der Denkmalschutz ist uns ebenso wichtig wie eine Nutzung, die für die Regionalentwicklung zukunftsorientiert ist: ein „Grüner Lernort“ mit einem flexiblen Labor für die Umweltbildung, eine Herberge, Platz für Künstlerpleinairs, ein Bistro für Touristen. Dann kam noch das Dammmeisterensemble in Zollbrücke dazu. Die beiden Fachwerkgebäude sind inzwischen  fertig gestellt. Das Dammmeisterensemble wird eine meiner Töchter betreiben, als Ort für Kultur und Gastronomie.

Da die Bautätigkeit enorme Dimensionen angenommen hat, haben wir eine eigene Baufirma gegründet, die hat hier auf lange Zeit zu tun. In Neulewin gibt es einen Infopunkt, wo man sich über die Arbeit der Stiftung informieren und Wissenswertes über die Region erfahren kann. Wenn wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen, vermittelt uns das Jobcenter schnell und unbürokratisch gute Leute.

Ich hätte mir nie träumen lassen, dass unsere Aktivitäten solche Ausmaße annehmen könnten. Inzwischen arbeite ich fast nur noch für die Stiftung, organisiere, beantrage Drittmittel, pflege Kontakte. Zur wissenschaftlichen Arbeit bleibt kaum noch Zeit. Drei bis vier Vorträge für internationale Konferenzen und im Jahr eine Publikation, einige Gastvorlesungen – mehr ist nicht zu leisten.

Es sind lohnende Vorhaben, aber der Weg ist mühsam. Man könnte mutlos werden, wenn man sich nicht an den kleinen Erfolgen freuen würde, die es zum Glück auch gibt. Vor allem haben uns der Bürgermeister und ein großer Teil der Bevölkerung unterstützt und immer wieder Mut gemacht, besonders der Amtsdirektor ist eine große Stütze.

Die Auswirkungen auf unsere soziale Rolle kann ich noch nicht überblicken. Viele Leute können mit dem, was wir tun, nicht viel anfangen. Ihre Skepsis ist verständlich, weil die Bewohnerinnen und Bewohner keine Erfahrungen mit Stiftungen haben. Einerseits habe ich seit dem Hochwasser 1997 eine Akzeptanz, da ich täglich mit der Dorfbevölkerung auf dem Sackplatz stand, andererseits begleitet ständiger Argwohn unsere Aktivitäten. Wie kann auch in einer sozial schwachen Region jemand verstehen, dass privates Geld für gemeinnützige Zwecke ausgegeben wird?

Es ist deshalb wichtig, dass im Beirat der Stiftung Mittlerinnen und Mittler tätig sind, die mit Inhalten der Stiftung vertraut sind, damit wir möglichst viele Menschen interessieren und zur Mitarbeit aktivieren können.

Die Neulewiner haben durchaus Gemeinschaftssinn, der sich durch alle Generationen zieht. Manchmal vermisse ich hier Visionen, Utopien, wie man leben will. Aber vielleicht sind die Vereine und Heimatfeste, vielleicht sind die Feuerwehr und das Bauernballett solche Keimzellen, in denen Vorstellungen von einem gemeinsamen Dorfleben, wie man es leben möchte, gedeihen. Da bin ich zuversichtlich.

Auf den ersten Wohnsitz Berlin kann ich noch nicht ganz verzichten. Ich brauche die Bibliotheken, den Wissenschaftskontakt zu den Kolleginnen und Kollegen, bin in politischen Clubs und Zirkeln tätig und genieße das Kulturangebot Berlins. Zunehmend verbringe ich aber mehr Zeit im Oderbruch. Wir leben gern in diesem Ort und genießen die Nähe zur Natur.

Diese ist enorm gefährdet. Wir haben eine Bürgerinitiative „Gegenwind im Oderbruch“ gegründet. Vor unserem Fenster sollen in 800 Metern Entfernung fünfzehn Windräder gebaut werden, mitten auf die Felder, ich habe es gerade erfahren. Die schöne Oderbruchlandschaft wird in unmenschliche Industriegebiete zergliedert. Wie ist das Leben dann am Rande eines Windparks? Auch das hätte ich mir nicht träumen lassen.  

 

Kenneth Anders

 

 




Büro für Landschaftskommunikation