Gelbe Kreuze an Bäumen und Ortseinfahrten, alte Hüte an Gartenzäunen und Transparente an Häuserfronten, auf denen die Zündschnur an einer CO2-Bombe brennt: Der Widerstand gegen die Pläne des Energiekonzerns Vattenfall, im Oderbruch nahe Neutrebbin die Verpressung von Kohlendioxid in tiefe Erdschichten zu erproben und dann möglicherweise hier ein Endlager für das klimaschädliche Gas einzurichten, wird in der Landschaft aller Orten immer sichtbarer.
Seit April 2009, kurz nachdem im März des Jahres die Pläne Vattenfalls öffentlich geworden sind, wehrt sich die Bürgerinitiative mit dem Namen CO2ntraEndlager gegen die Indienstnahme ihrer Heimat für eine Technologie, die in ihren Augen nicht nur zukunftsunfähig ist, sondern auch keineswegs für Mensch und Natur als sicher gelten kann. Für sie ist das Einfangen und Lagern von CO2 (Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS-Technologie) ein Wahnsinn, den es nicht nur im Oderbruch oder in Beeskow sondern überall zu verhindern gilt. Daher laufen die Vorbereitungen auf den Tag X, an dem im Auftrag von Vattenfall mit den Erkundungsbohrungen begonnen werden soll, auf Hochtouren. Ob flankiert durch ein entsprechendes CCS-Gesetz oder unter dem Vorwand, den Bodenschatz Sole zu erkunden, das spielt keine Rolle. Eine Großdemonstration und Grundstücksbetretungsverbote für Vattenfallmitarbeiter sollen dies verhindern und zeigen, dass die Oderbrücher ihre Heimat nicht widerstandslos hergeben.
Dann werden die gelben Kreuze mit roter Farbe markiert worden sein, die signalisieren: „Es ist soweit – Vattenfall will unser Land vereinnahmen!“ Wie lange es danach dauern wird, bis schließlich diese Kreuze grün sind und an den Straßen den Erfolg der Bürgerinitiative verkünden, ist heute noch nicht abzusehen.
Stellvertretend für die vielen aktiven Mitglieder gaben Sylvia Wadewitz und Ulf Stumpe in einem Gespräch nähere Auskunft über die Bürgerinitiative.
CCS sind drei englische Wörter: Carbon, Capture and Storage. Diese bedeuten im Deutschen: Kohlendioxid einfangen und einlagern. Aus den Abgasen von Kohlekraftwerken und anderen Industrieanlagen, soll das klimaschädliche Gas CO2 herausgefiltert, dann über Pipelines zu einem Speicherort transportiert und dort in unterirdische Lagerstätten verpresst werden. Dort soll das CO2 dann für immer bleiben.
Normaler Weise ist CO2, das durch die Verbrennung von Kohlenstoff entsteht, ein geringer natürlicher Bestandteil der Atomsphäre und wichtig für das Leben auf der Erde. Der massenhafte Ausstoß von CO2 durch Industrie, Verkehr und Stromproduzenten führte und führt jedoch zu einer Anreicherung der Atmosphäre mit CO2 und dadurch drohen bekannter Maßen klimatische Veränderungen mit negativen Folgen für Menschen wie Natur.
Weltweit wird daher an dieser Technologie geforscht. In Deutschland wollen die großen Energiekonzerne Vattenfall, RWE und EON, unterstützt durch die Bundesregierung, mit dieser Technologie den CO2-Ausstoß in die Atmosphäre senken. Die Energiekonzerne möchten so, die auf sie zukommenden hohen Kosten für den Kauf von Emissions- bzw. Verschmutzungsrechten vermeiden, die eine rentable Verstromung von Braunkohle zukünftig gefährden. Die Bundesregierung erhofft sich, ihren ehrgeizigen Klimaschutzzielen näher zu kommen.
Als Speicherstätten kämen zum einen ausgeförderte Öl- und Gasfelder in Frage. Zum anderen hat man sich überlegt, das CO2 in ganz tief liegende Salzwasser führende Gesteinsschichten, sogenannte Saline Aquifere, einzupressen. Diese möglichen Lagerstätten kommen vor allem in Norddeutschland vor und eben auch hier im Oderbruch. Das Gestein soll in über einem Kilometer Tiefe wie ein Schwamm das CO2 aufnehmen und halten. Die Geologen schätzen, dass man ungefähr 40 Jahre lang das CO2 in die Erde pumpen kann, bis alle Speicher voll sind.
Unserer Meinung nach ist aber noch nicht geklärt, ob die Technologie überhaupt sicher ist. Wir haben jedenfalls nicht vor, die Versuchskaninchen abzugeben. Es gibt eine Reihe offener Fragen:
Der Energiekonzern Vattenfall beabsichtigt in den Untergrund des Oderbruchs jährlich 3 Millionen Tonnen flüssiges Kohlendioxid zu verpressen, ohne die Risiken und Gefahren für Mensch und Umwelt zu kennen. Antworten auf diese Fragen sollten unsere Politiker mit Nachdruck einfordern, da sie darüber entscheiden, ob die Technologie zum Einsatz kommt. Aber für die Bereiche Aufklärung, Information und Öffentlichkeitsarbeit macht die Bürgerinitiative die Arbeit, nicht die Landesregierung. Die Regierung sitzt die Probleme aus. Aber was soll man von einer Regierung erwarten, die beharrlich auf eine Verstromung der Braunkohle setzt, auf einen Energieträger ohne Zukunft.
Durch einen Zeitungsartikel und kurz darauf durch eine lapidare Postwurfsendung von Vattenfall und einer damit verbundenen ersten Info-Veranstaltung in der Neutrebbiner Turnhalle im April 2009. Die Kritiker formierten sich noch während der Veranstaltung, so dass eine erste Gruppe der Gegenwehr zusammenstand, woraus dann die Bürgerinitiative hervorgegangen ist.
Bereits im März war unser Bürgermeister von der Presse auf das geplante Endlager angesprochen worden. So erfuhr er von den Plänen. Daraufhin hatte sich bereits der Unmut über das geplante Projekt breit gemacht, Versammlungen wurden kurzfristig einberufen, die unterschiedlichsten Leute fanden zueinander und der Stein kam ins Rollen. Im Hauptausschuss des Amtes Barnim-Oderbruch war es ein Dreizeiler, der über die Pläne informierte.
Die Bürgerinitiative besteht seit Mai 2009. Wir sind kein Verein sondern eine Plattform, offen für alle Bürger, die mitgestalten wollen. Wir passen in keine Schublade und machen eine solide Arbeit.
Im Kern sind wir 15 bis 20 Leute, die sich alle 14 Tage treffen. Diese regelmäßigen Treffen sind uns wichtig. Wir haben keine Hierarchie, Vorsitzenden, Stellvertreter oder so was, dafür aber eine gezielte Aufgabenverteilung.
Dieser Kern wird ergänzt durch einige Hundert Mitstreiter, die unter anderem die Telefonkette unterhalten und auf verschiedenste Weise helfen, dem Protest eine Form zu geben. Ein Blick auf die Unterstützerliste für das Fresh Air Festival Ende Juni in Ortwig zeigt die Vielfalt der engagierten Bürger. Da stehen Landwirte, Handwerker, Ingenieure, Händler, Gastronomen, Vereine, ganze Ortsbeiräte und Gemeindevertretungen beieinander.
35.000 Unterschriften gegen die Endlagerpläne haben wir in der Region gesammelt, 180.000 deutschlandweit.
Natürlich gibt es Kontakte zu den Kein-CO2-Endlager-Initiativen in Beeskow, in der Altmark und in Schleswig-Holstein. Wir sind untereinander gut vernetzt, zeigen bei wichtigen überregionalen Veranstaltungen, wie bei der CCS-Konferenz vergangenen Mai in Berlin, geschlossen unseren Protest. Obwohl sich in Schleswig-Holstein alle Parteien auf die Seite der Bürger gestellt haben und ein Endlager ablehnen, die Bürgerinitiative also den Kampf vorerst gewonnen hat, halten sie weiter am Protest gegen die CCS Technologie fest und stehen an unserer Seite.
Greenpeace und der BUND unterstützen uns als Organisationen, hinzu kommen einzelne Bundestagabgeordnete und Parteipolitiker, aber auch Wissenschaftler. Überhaupt nehmen die kritischen wissenschaftlichen Positionen gegen die Technologie zu. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung hat in seiner Stellungnahme vom Mai dieses Jahres zur Stromversorgung bis 2050 klar Position gegen CCS als eine langfristig nicht nachhaltige Technologie bezogen.
Nein, es ist sehr stark!
Diese Frage würde jedes BI-Mitglied anders beantworten, da jeder seine eigenen Beweggründe hat, sich zu engagieren. In der Summe geht es um unsere Heimat, unser Leben, um Zukunft und natürlich um die Sicherheit unserer Kinder und Enkel hier. Es geht um den Unsinn, in veraltete Technologien, die keine Zukunft haben, zu investieren und um den Wahnsinn, Leib und Leben der Menschen zu gefährden, ja: bewusst in Kauf zu nehmen, sowie um den Versuch, uns für dumm zu verkaufen.
Im Einzelnen ist das komplexer. Durch die Pläne wird Eigentum entwertet, in Neutrebbin sind Häuser und Grundstücke praktisch unverkäuflich geworden. Viele haben hier investiert und Schulden aufgenommen, um ihre berufliche und private Existenz zu sichern oder zu entwickeln. Landwirte wollen auf ihr Land Acht geben.
An der brennenden Zündschnur hängt hier die Existenz vieler Menschen. Wird das Oderbruch zum Endlager, wer will dann hier noch leben, wenn er nicht muss? Gehen die Menschen, dann gehen Kunden, dann geht die Wirtschaftskraft und die Investitionen waren für die Katz. Mit dem Endlager geht das Oderbruch als Landschaft zu Grunde.
Es steht aber noch mehr auf dem Spiel: Das Vertrauen der Bürger in die Politik geht verloren. Wir bekommen durch unser Engagement Einblicke in politische Verhältnisse, die Besorgnis erregend sind. Die Demokratie wird ausgehöhlt durch den Lobbyismus der Konzerne und ist in Gefahr. Es gibt für unsere Initiative keine politische Vertretung. Schlimmer noch: Die Landesregierung kolportiert uns und wirbt für Vattenfall. Dabei gibt Vattenfall ohnehin Millionen für die Öffentlichkeitsarbeit aus. Das Ehrenamt wird durch die Politik verschlissen.
Wir erwarten von keinem mehr etwas. Unsere Kraft wächst aus Selbstvertrauen. Aber auch aus der Konfrontation mit der Landespolitik und den Energiekonzern sowie den Sympathien, die uns von den Oderbrüchern entgegen gebracht werden.
Den letzten Teil der Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Die Zukunft liegt aber zu 100 % bei den erneuerbaren Energien! Das bedeutet: Stromanbieterwechsel, Solarzellen aufs Dach und auf schlechte oder degenerierte Ackerstandorte, Geothermie und Windkraft nutzen, nachwachsende Rohstoffe effizient nutzen. Energieproduktion wird ein Wirtschaftsfaktor für die Landwirtschaft. Schon heute wird in Teilen des Oderbruchs mehr Energie aus erneuerbaren Quellen produziert als verbraucht wird. Die Region um Neutrebbin, das Amt Barnim-Oderbruch ist rechnerisch energieautark, allein die Windkraftanlagen produzieren mehr als gebraucht wird.
Für diese Zukunft gibt es noch viel zu tun, aber es fehlt ein politischer Partner im Land Brandenburg. Die Regierung unterstützt und investiert lieber in eine Technologie ohne Zukunft, die selbst hochgradig energieintensiv ist, statt radikal auf CO2-Einsparung zu setzen. Durch die CCS-Technologie steigt der Energieaufwand je produzierte Kilowattstunde um mindestens 40 %. Man wird also mehr Kohle verbrennen müssen, mehr CO2 produzieren, mehr Landschaften abbaggern. Ein Irrsinn.
Hinzu kommt, dass Brandenburg die Kohle kostenlos an Vattenfall abgibt, sich die Schürfrechte nicht vergüten lässt wie Sachsen oder Sachsen-Anhalt und so jedes Jahr rund eine Milliarde Euro verschenkt. Das sind unsere Bodenschätze, da fühlt man sich als Brandenburger Bürger betrogen. Über strukturschwache Regionen klagen, Infrastrukturen zurückfahren und jährlich eine Milliarde an einen Konzern verschenken… Die Förderabgaben müssen zurück in das Land. Aber Platzeck unterbindet diese Diskussion. Denn mit einer Förderabgabe je Tonne Braunkohle wäre die Kohleförderung in Brandenburg längst unrentabel.
Eines ist sicher: Ohne einen schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung verzockt sich Brandenburg.
In der Bürgerinitiative engagieren sich auch viele Zugezogene. „Fremde“ haben es im Oderbruch in der Regel schwer. Mit einem Mal ist aber genau dieser Punkt offensichtlich gar nicht mehr so wichtig. Man diskutiert und lacht miteinander, egal ob man nun diesseits oder jenseits von Elbe oder Oder geboren ist. Es gibt ein stärkeres WIR – die Aufkleber, Transparente und alten Hüte beweisen dies täglich – das Gefühl, die Heimat und sein Heim zu verteidigen oder zumindest seinen Unmut zu bekunden, eint.
Man kümmert sich, man informiert sich und man lässt sich nicht mehr alles erzählen oder aufschwatzen. Was auch bleiben wird, ist ein Misstrauen in die hauptamtliche Politik, in den Lobbyismus und Monopolwirtschaft und in gemachte Wahlversprechen.
Unter uns sind einige ehrenamtliche Kommunalpolitiker. Die sind ja nicht umsonst in die Politik gegangen. Sie engagieren sich für Sport, Bildung, Kultur, haben Ziele und sehen Perspektiven für das Oderbruch, wollen ihre Heimat voranbringen. Alternative Energiewirtschaft und Tourismus sind hier Themen. Regionalentwicklung wächst aus solch zarten Pflänzchen. Unser höchstes Gut ist unsere Kulturlandschaft, die müssen wir gestalten.
Und dabei helfen auch die neuen Bekanntschaften und wertvollen Kontakte, die über die Bürgerinitiative geknüpft werden.
Jederzeit - Und wir sind vorbereitet!
Lars Fischer
Kontakt zur Bürgerinitiative über:
www.co2bombe.de
info@co2bombe.de
Tel: 0178 854 09 57
Tel: 0170 577 28 44